Warum die Transfer-Erlöse wirklich explodieren

Wie ein Gewerkschaftsvertreter sieht Georg Pangl wahrlich nicht aus. Schwarzer Anzug, offenes Hemd, dazu der Fünf-Tage-Bart: Fast könnte man den 54-jährigen Österreicher für einen Börsen- oder Immobilienmakler halten. Doch das täuscht.

Seit fünf Jahren ist Pangl Generalsekretär beim Verbund europäischer Fußball-Ligen, kurz “EPFL”, und kämpft mit aller Macht für 35 Mitgliedsländer gegen Auswüchse des internationalen Fußballs. “Ich mache mir ernsthafte Sorgen”, sagt er gerne und weiß: Der Satz verliert nie an Aktualität.

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Man kann den Wahnsinn in diesem Sommer wieder beobachten. Am Montag beginnt die Transferperiode zur Saison 2019/20 offiziell. Aber was heißt schon: Beginnen? Schon jetzt fliegen die drei- und zweistelligen Millionensummen nur so durch die Schlagzeilen.

Hasan Salihamidzic mit Uli Hoeneß
Hasan Salihamidzic mit Uli Hoeneß: Wen kriegen sie noch? Foto: Imago

Eden Hazard für 100 Mio. Euro von Chelsea zu Real Madrid. Lucas Hernandez für 80 Mio. Euro von Atletico Madrid zu Bayern München. Frenkie de Jong für 75 Mio. Euro von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona. Und die richtig fetten Transfers kommen noch.

In diesem europäischen Milliardenspiel will Georg Pangl ein Muster erkannt haben und wird nicht müde, ganz Gewerkschafter, Machenschaften im weiten Kontext anzuprangern. Die Zeit dafür ist günstig. Jeder Fan spürt: Da läuft was schief im Profifußball.

Was Pangl vom branchenüblichen Gemurre über den Transfer-Irrsinn unterscheidet, präsentierte er Mitte Juni auf der Fußballkonferenz “Spielmacher” in Hamburg. Nicht Emotionen und Romantik bereichern seine Argumentation – sondern Fakten.

Mit dem Charme eines Buchhalters offenbarte er die Ungerechtigkeit bei der Geldverteilung der Champions League. Sieben Milliarden Euro kassierten die 14 Top-Klubs in den ersten 26 Jahren des Elite-Wettbewerbs. Inzwischen kommt die Summe in sechs Jahren zusammen.

“Die Schere geht weiter auf”

In 26 von 55 Verbänden, die in der europäischen Fußball-Union (Uefa) organisiert sind, erhält ein einziger Klub in der nationalen Liga mehr als 50 Prozent der Uefa-Ausschüttung. Die Steigerungsraten bei den Top-Klubs sind enorm.

Real Madrid bekam von 2015 bis 2018 einen Anteil von 81 Mio. Euro – inzwischen sind es 137 Mio. Euro. Das Gleiche bei Juventus Turin: eine Steigerung von 110 auf 144 Mio. Euro. Man kann es nicht anders sagen: Die Reichen werden immer reicher.

Oder wie es Pangl ausdrückt: “Die Schere geht weiter auf.” Längst hat die Uefa dafür gesorgt, dass 14 statt 17 Nationen an der Champions League teilnehmen: Jedes Kuchenstück wird dadurch größer. Die Pläne für eine Super League werden die Situation verschärfen.

“Wettbewerb wird durch die konzentrierte Ausschüttung des Uefa-Geldes an einen oder wenige Klubs zerstört”, weiß Pangl. Das ist kein Horror-Szenario, sondern schon Realität. Es ist kein Zufall, dass Bayern München und Juventus Turin Serienmeister sind.

Nur Bayern München und vielleicht noch Borussia Dortmund können es sich in Deutschland  leisten, Top-Stars zu verpflichten. Schalke muss schon zufrieden sein, dass Benito Raman aus Düsseldorf kommt. Die eigenen Stars, zuletzt Leon Goretzka, konnte man nicht halten. Hertha BSC dagegen lacht sich einen Investor an.

Borussia Dortmund hat keine Probleme bei der Finanzierung von Mats Hummels. Foto: Imago

Die teuersten Transfers in Europa liegen zwischen 35 und 100 Mio. Euro bisher. Zehn Vereine geben Spieler ab – aber nur fünf nehmen auf. Der elitäre Kreis von Real Madrid, Barcelona und Bayern wird nur temporär durch Wolverhampton und Valencia erweitert.

Leroy Sané, Ousmane Dembélé, Matthijs de Ligt, Romelu Lukaku – noch begutachtet das Establishment des internationalen Fußballs die Handelsware. Sport-Bild hat ermittelt, dass allein Bayern München an die 200 Mio. Euro auf der hohen Kante liegen hat, um zuzuschlagen.

Das Risiko ist begrenzt. Geld ausgeben, um noch mehr Geld einzunehmen – ein irrer Kreislauf. Was die Pangl-Schaubilder zeigen, ist atemberaubend: Auf 27 Milliarden Euro werden sich die Uefa-Ausschüttungen aus der Champions League von 1992 bis 2024 kumuliert haben. 

“Der Fan zahlt indirekt das Geld”

Steigerung allein in den nächsten drei Jahren: 81 Prozent. Was Pangl will: Dass die Klubs unterhalb der Top-14 nicht mit Kleingeld abgespeist wird wie Europa League mit kumuliert 5,7 Mrd. Euro bis 2024. Er weiß, was da läuft. Pangl arbeitete selbst jahrelang bei der Uefa.

“Der Fan bezahlt indirekt über die TV-Sender und Sponsoren das Geld”, warnte er kürzlich. “Dieses Rad sollte man nicht überdrehen, da es ansonsten eine Bereinigung geben wird.” Die Klubs, die ab Montag Spieler kaufen und danach Geld brauchen, wird das wenig kümmern.

Eine Antwort auf „Warum die Transfer-Erlöse wirklich explodieren“

  1. Hande weg vom Fu?ball: Wenn es nach Karl-Heinz Rummenigge geht, sollte sich die EU blo? nicht ins europaische Transfer- und Ablosesystem einmischen. Der Bayern-Boss sieht keinen Korrekturbedarf bei der derzeitigen Regelung und verweist auf das Bosman-Urteil: “Da dreht sich mein Magen noch heute um.”

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