Marcus Sorg: “Ich gehe nicht in die Geschichte ein”

Mit sechs Punkten und 10:0 Toren in zwei EM-Qualifikationsspielen meisterte Marcus Sorg die Auszeit von Bundestrainer Joachim Löw. Nach dem 8:0 gegen Estland stellte er sich den Fragen der Journalisten.

Frage: Sie waren jetzt zehn Tage Bundestrainer und haben zwei Siege gefeiert. Wie zufrieden sind Sie?

Ersatz-Bundestrainer Marcus Sorg (53): “Ich bin natürlich sehr zufrieden und auch ein wenig stolz auf die Mannschaft, die nach einer kräftezehrenden Saison konzentriert und konsequent gearbeitet hat. Die Mannschaft sprüht vor Energie. Sie versucht die Menschen außerhalb des Spielfeldes zu begeistern. Die Aufgabe war, sechs Punkte einzufahren. Diese Aufgabe ist erfüllt. Wir haben jetzt neun Punkte. Der Bundestrainer kann aus einer optimalen Ausgangssituation weiterarbeiten.”

Es lief auch ohne Joachim Löw erfolgreich

Frage: Es lief auch ohne Joachim Löw. Warum ist es trotzdem wichtig, dass er zurückkehrt?

Sorg: “Der Bundestrainer ist derjenige, der vorangeht und an dem sich alle orientieren und festhalten. Er hat gefehlt. Deswegen sind alle froh, wenn er bald wieder gesund und wieder bei uns sein wird.”

Frage: Wie erleichtert sind Sie, dass Sie die Vorgabe erfüllt haben?

Sorg: “Ich bin schon erleichtert. Es war schon ein gewisser Druck da, auch wenn es nicht die stärksten Gegner waren. Ich bin aber beruhigt an die Aufgaben herangegangen, weil ich großes Vertrauen in die Spieler hatte.”

Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit Ersatz-Bundestrainer Marcus Sorg am RTL-Mikrofon. Foto: Imago Images / Laage

Frage: Mit sechs Punkten und 10:0 Toren gehen Sie jetzt als erfolgreichster Bundestrainer in die Geschichte ein.

Sorg: “Nein. Ich gehe nicht in die Geschichte ein. Ich bin kein Bundestrainer.”

Frage: Wo sehen Sie jetzt die Mannschaft?

Sorg: “Wir sind am Beginn einer Entwicklung und es wird noch den einen oder anderen Hänger geben. Die Mannschaft hält aber unfassbar zusammen und versucht, begeisternden Fußball zu spielen. Sie ist gewillt, bis zum Schluss Vollgas zu geben und bereit, Widerstände zu überwinden. Es wächst etwas zusammen. Jeder Sieg hilft einer Mannschaft, die im Umbruch ist.”

Aufwind und Begeisterung mitnehmen

Frage: Was bedeutet das jetzt für die weitere EM-Qualifikation?

Sorg: “Wir wollen diesen Aufwind und diese Begeisterung mitnehmen. Wir haben uns bisher souverän präsentiert. Wir wollen unsere Aufgaben weiter erfüllen und nicht nach links und rechts schauen.”

Frage: Kai Havertz hatte Geburtstag. Warum ist er nicht zum Einsatz gekommen?

Sorg: “Er ist ein fantastischer Spieler. Nicht umsonst ist er zum Spieler der Saison gewählt worden. Bei der Nationalmannschaft gibt es aber viele fantastische Spieler und einen großen Konkurrenzkampf. Kai wird ein wichtiger Bestandteil für die Zukunft der Nationalmannschaft sein.”

Fotos: Imago Images

Ab in den Urlaub! Deutschland mit 8:0 in die Sommerpause

Zehn-Tage-Bundestrainer Marcus Sorg lachte nach dem grandiosen Abschluss seiner Sechs-Punkte-Mission befreit. Die begeisterten Zuschauer sangen während der Ehrenrunde “Oh, wie ist das schön”. Mit Tricks, Traumpässen und tollen Toren haben Sorg und die deutsche Nationalmannschaft Joachim Löws Plan perfekt umgesetzt.

Die DFB-Elf feierte gegen das heillos überforderte Estland in Mainz mit 8:0 (5:0) ihren höchsten Sieg seit drei Jahren. Und bleibt auf ihrem Weg zur EM 2020 ohne Makel. Nun heißt es: Ab in den Urlaub.

“Das hätte nicht viel besser laufen können”, sagte Sorg im RTL-Interview. “Die Begeisterung der Mannschaft war ausschlaggebend, solch eine Leistung ist nur mit Zusammenhalt und Motivation möglich. Ich bin sicher, der Jogi wird zufrieden sein.”

Schützenfest ein Jahr nach der WM-Blamage

Fast ein Jahr nach dem WM-Desaster war Löw vor dem Fernseher in Freiburg wie schon gegen Weißrussland (2:0) sicherlich extrem angetan. Marco Reus (10./37.), Serge Gnabry (17./62.), Leon Goretzka (20.), Ilkay Gündogan (26., Foulelfmeter), Timo Werner (79.) und Leroy Sane (88.) verwandelten den dritten Sieg im dritten Quali-Spiel in ein Schützenfest. Im ausverkauften Stadion kreiste schon nach einer halben Stunde die La Ola. 

Das deutsche Team bedankt sich bei den Fans. Foto: Imago Images / Foto2Press

“Wir hatten uns viele Tore vorgenommen”, betonte Reus. “Doch diese Gegner sind für uns nicht der Gradmesser. Wir bleiben realistisch und wollen gegen Holland ähnlich gut sein.” Die Esten hatten als Nummer 96 der Weltrangliste kaum mehr als körperlose Verteidigung zu bieten.

Vor dem Klassiker gegen die Niederlande am 6. September und dem Duell mit den bisher starken Nordiren drei Tage danach wird Löw wieder “mit voller Kraft” übernehmen, wie Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff versicherte. Eine Arterienquetschung als Folge eines Unfalls auf der Hantelbank hatte den 59-Jährigen erstmals in 13 Jahren als Bundestrainer außer Gefecht gesetzt.

Offensivere Aufstellung gegen Estland

Nach zwei Absprachetelefonaten mit Löw am Spieltag offenbarte Sorg eine veränderte, offensivere Aufstellung. Thilo Kehrer spielte für Lukas Klostermann auf der rechten Seite einer Vierer-Abwehrkette, Kreativmann Leon Goretzka kam für Innenverteidiger Jonathan Tah in die Mannschaft. Estland formierte sich in einer Fünfer- und einer Viererkette am und im eigenen Strafraum. Der bemitleidenswerte Stürmer Sergei Zenjov von Schachtjor Qaraghandy aus Kasachstan wartete an der Mittellinie mutterseelenallein auf lange Pässe.

Kehrer und Nico Schulz links waren als Außenverteidiger fast Flügelstürmer, so tief drückte die deutsche Mannschaft den Gegner in die Defensive. Sane und Reus, Torschützen gegen Weißrussland am Samstag, rückten dadurch weiter nach innen. Das zahlte sich aus, als Reus nach Direktpass von Kehrer zum 1:0 traf.

Torhüter Sergei Lepmets verhinderte mit einem Reflex das 2:0 durch Goretzka (13.), das vier Minuten später Gnabry erzielte. Estland war ein Spielball, schon nach einer Viertelstunde ging es nur um die Höhe des Sieges. Sorg, der “die Fans wieder begeistern wollte”, lächelte zufrieden, als auch Goretzka traf. Für die Esten war Schlimmstes zu befürchten. Reus traf nur die Latte (30.), dafür schlenzte er eben einen Freistoß ins Tor.

Höchste Halbzeitführung seit dem 7:1 gegen Brasilien

Im DFB sind fünfmal so viele Menschen organisiert, wie Estland Einwohner (1,32 Millionen) hat. Zudem fehlte den Gästen der frühere Augsburger Ragnar Klavan, der einzige Spieler von internationalem Niveau. Als Kapitän Konstantin Vassiljev einen Freistoß auf das Tor brachte, brandete Applaus auf (45.).

Es stand schließlich die höchste deutsche Halbzeitführung seit dem WM-Halbfinale gegen Brasilien 2014 (7:1). 14 Siege in Serie in Qualifikationsspielen (EM und WM) hat es nie zuvor gegeben, ein 8:0 zuletzt gegen San Marino im November 2016.

Nach der Pause löste die deutsche Mannschaft ihren eisernen Klammergriff. Marcel Halstenberg (für Schulz) und Julian Draxler (für Gündogan) kamen ins Spiel, Estland hatte einige Ballstafetten, Zenjov prüfte Manuel Neuer (55.). Auf der Gegenseite kämpfte Sane darum, unter den Torschützen zu sein (57.), Werner kam für den stürmisch bejubelten Reus und traf auch. 

Fotos: Imago Images

Timo Werner sollte RB Leipzig verlassen – aber wohin nur?

Man kann Timo Werners Gesicht nicht ansehen, ob er sich auf der Ersatzbank zwischen Sven Ulreich und Kai Havertz wohlfühlt. Foto: Imago Images / Eibner
Timo Werner weiß ja, wie’s geht. Darf er heute Abend seine Ballfertigkeiten in Mainz zeigen? Foto: Imago Images / Schüler

Als Bayern-Präsident Uli Hoeneß Ende Februar zu den Transfergerüchten um Timo Werner befragt wurde, konterte er kess mit einer Gegenfrage: “Ist das ein Fußballspieler?” Gewiss, das sollte ein Witz sein. Nur: Der Stürmer von RB Leipzig dürfte nicht darüber lachen.

Bei der Personalie Leroy Sané verhielten sich die Bayern weniger zurückhaltend. Hoeneß und sein Vorstandschef Rummenigge bestätigten öffentlich das Interesse am Stürmer von Manchester City. Seitdem wird ein Mega-Transfer über 100 Mio. Euro nicht ausgeschlossen.

Warum also die Zurückhaltung bei Timo Werner? Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: Bayern hat mit ihm längst eine Einigung über einen Vertrag und muss für die Verhandlung mit RB Leipzig Desinteresse vorheucheln. Zweitens: Das Bayern-Interesse schwindet.

Nachvollziehbar wäre die Vorsicht. 118 Mio. Euro an Ablösen haben die Bayern schon für die neue Saison investiert. Kommt Sané, erhöht sich die Summe auf 210 Mio. Euro. Da kann man die Notwendigkeit von 65 Mio. Euro für Timo Werner durchaus hinterfragen.

Gefährlich ist die Situation für Timo Werner allemal. Bei der Nationalmannschaft saß das ehemals hoffnungsvollste Talent des deutschen Fußballs zuletzt zweimal in der EM-Qualifikation auf der Bank: sowohl beim 3:2 in den Niederlanden wie beim 2:0 in Weißrussland.

Offen ist, ob Timo Werner heute zumindest im Heimspiel gegen das drittklassige Estland auflaufen darf. Ersatz-Bundestrainer Marcus Sorg nahm ihn vorsorglich in Schutz: “Ich finde es nicht korrekt, daraus ein riesiges Thema zu machen (…), dass er jetzt durchfällt.”

Daran ist der DFB-Trainerstab nicht unschuldig. Seit Timo Werner 2016 vom VfB Stuttgart zu RB Leipzig wechselte, kam er konstant auf einen Toreschnitt von 0,53 in den drei Jahren. Er trifft also in jedem zweiten Bundesliga-Spiel. Neun Treffer hat er vorige Saison vorbereitet.

In der Nationalmannschaft liegt sein Toreschnitt bei 0,38. Und das bei nur neun Toren in 24 Länderspielen. Es mag ein Trost sein, dass Leroy Sané, ebenfalls 23 Jahre alt, eine noch schlechtere Bilanz beim DFB aufweist (vier Tore in 20 Länderspielen).

Der Unterschied ist: Sané hatte zwar auch seinen Heimatverein Schalke 2016 verlassen – aber sechs englische Titel später ist sein Marktwert international explodiert. Timo Werner dagegen stagniert bei RB Leipzig.

Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, er könnte dann ablösefrei gehen. Unter Sportdirektor Ralf Rangnick galt die Maxime, dass ein Spieler nicht mit einem auslaufenden Vertrag in die Saison geht; RB Leipzig wolle notfalls eine Ablöse erwirtschaften.

Das heißt konkret: Timo Werner sollte verlängern oder wechseln. Jetzt, da Rangnick weg ist, sieht RB-Chef Oliver Mintzlaff die Sachlage pragmatischer. Leipzig spielt in der Champions League – da werden Timo Werners Tore benötigt. Auch bei einem auslaufenden Vertrag.

Timo Werner aber wäre nicht gut beraten, wenn er bliebe. Drei Jahre sind genug. Ein Neustart täte ihm gut. Jetzt muss der nächste Schritt kommen, ein Wechsel, zu Bayern oder sonstwohin, damit auch sein eigener Stellenwert in der Nationalmannschaft steigt.

DFB-Trainer Sorg sagt zwar: “Timo wird die Entwicklung dieser Mannschaft noch mitgestalten. Wir werden noch alle froh sein, dass wir ihn haben.” Nur damit Timo Werner das kann, muss nicht nur Hoeneß lernen, dass er Fußballspieler ist und nicht Bankdrücker.

Fifa-Präsident Infantino hält Hof, der Kongress tanzt

Fifa-Präsident Gianni Infantino beschwört die Delegierten
Fifa-Präsident Gianni Infantino beschreitet ausgetrampelte Pfade. Foto: Imago Images / Zuma

Gianni Infantino war voll in seinem Element. Eindringlich und gestenreich sprach der Schweizer schon kurz vor seiner Wiederwahl am Mittwoch in Paris über die Kraft des Fußballs. Über die Chancen, die der Weltverband ergreifen müsse. Und über die Fortschritte, die der Weltverband seit den Korruptionsskandalen vor seiner Zeit gemacht habe. Das hörte sich alles gut an.

Noch reichen Infantinos Taten aber nicht an seine großen Worte heran. Die Fifa steckt zwar nicht mehr in der tiefen Krise, wie es nach der Implosion im Mai 2015 der Fall war, und sicherlich wurden auch gute Entscheidungen in der Infantino-Ära getroffen. Noch überwiegen aber die großen Zweifel vor allem an Infantinos oft undurchsichtigem Führungsstil, der viel zu oft an die alten Fifa-Funktionäre erinnert.

Damit die Fifa tatsächlich die Organisation wird, die sich allein “um Fußball kümmert und den Fußball entwickelt”, muss Infantino in seiner zweiten Amtszeit bis 2023 einen persönlichen Kurswechsel vollziehen. Der Schweizer gestand am Mittwoch offen “Fehler” ein – die nicht konkret zu benennen, schwächte die großen Worte wieder ab.

Ralf Rangnick bei RB Leipzig: Der Gründervater sucht die Weite

Ralf Rangnick bezieht Stellung, Oliver Mintzlaff hört genau hin.
Impressionen vom Rangnick-Auftritt beim Fanfest von RB Leipzig am Tag nach dem Finale im DFB-Pokal: Ralf Rangnick gibt sich betont fannah – man dankt es ihm. Foto: Imago Images / Opokupix

Ralf Rangnick gilt nicht ohne Grund als Querdenker, wahrscheinlich war er gerade deshalb der Branche oft einen Schritt voraus. Vielleicht lässt er in ein paar Jahren die Talente-Quellen in New York und Brasilien tatsächlich sprudeln, vielleicht kann RB Leipzig dadurch wirklich zu internationalen Topklubs aufschließen. Doch im Moment bedeutet sein Abschied einen enormen Verlust für den Klub, den er wie kein Zweiter geprägt hat.

Rangnick war ohne Zweifel der Mastermind hinter dem Erfolg des Emporkömmlings. Jetzt soll er der neuen sportlichen Führung nur noch beratend zur Seite stehen. Doch wie empfänglich sind der selbstbewusste Trainer Julian Nagelsmann und erfolgreiche Sportdirektor Markus Krösche, die sich beide profilieren wollen und müssen, für Rangnicks Ratschläge? 

Nein, Rangnick wird nicht aus dem Hintergrund die Strippen ziehen. Rangnick hat faktisch keine Macht mehr bei RB Leipzig. Doch er betont, dass ihm das egal sei. Er wolle entwickeln, und das könne er bei RB nicht mehr im größeren Maße. Von daher ist der Schritt nur konsequent. Ob er den Macher Rangnick aber auch glücklich macht, wird sich zeigen, wenn die ersten Angebote anderer Klubs für ihn eintrudeln.

Foto: Imago Images / Opokupix