Nur 2:2 gegen Union Berlin: VfB Stuttgart am Abgrund

Alexander Esswein vom VfB Stuttgart verzweifelt. Foto: Imago Images / Eibner

Dem ambitionierten VfB Stuttgart droht nach 1975 und 2016 der dritte Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Die krisengeplagten Schwaben kamen im Relegations-Hinspiel gegen den Zweitligadritten Union Berlin nicht über ein mageres 2:2 (1:1) hinaus. Der VfB steht nun im Rückspiel am Montag im Stadion an der Alten Försterei gegen den heimstarken Kultklub noch mehr unter Druck.

“Das ist kein Traumergebnis. Aber wir sind heute noch nicht abgestiegen”, sagte VfB-Kapitän Christian Gentner bei Eurosport. “Wir haben uns mehr vorgestellt“, monierte auch Mario Gomez, “wir müssen hinten einfach stabiler stehen.”

Gentner (42.) erzielte in einer umkämpften Partie vor 58.619 Zuschauern die Führung. Die Freude währte jedoch nur 87 Sekunden, denn Suleiman Abdullahi glich mit der ersten Aktion nach dem Anstoß aus. Joker Gomez (51.) brachte den VfB wieder nach vorne, ehe Marvin Friedrich (68.) erneut ausglich.

“Wir haben alles reingeschmissen und ein wirklich gutes Ergebnis geholt. Wir freuen uns auf das Heimspiel, das Stadion wird beben“, sagte Union-Kapitän Christopher Trimmel.

Statistik spricht für den VfB Stuttgart

Die Statistik spricht immerhin für den VfB Stuttgart, der bei einem Absturz rund 15 Millionen Euro alleine an Fernsehgeldern verlieren würde. In bislang 20 Relegations-Duellen seit 1981 hat sich der Zweitligist nur fünfmal durchsetzen können, zuletzt war dies 2012 Fortuna Düsseldorf gelungen.

Sein Team, das in der Liga zuletzt einen Aufwärtstrend zeigte, habe “Bock auf das Spiel”, sagte VfB-Coach Nico Willig kurz vor der Partie. Dies wurde schnell deutlich. Allerdings war auch der Druck, den Bayern-Trainer Niko Kovac unlängst gar als “unmenschlich” bezeichnet hatte, spürbar.

Den Aktionen des VfB fehlte bei allem Bemühen die Präzision. Auch spielerische Elemente kamen zu kurz. So profitierten die Stuttgarter bei der ersten nennenswerten Möglichkeit von einem Fehler von Manuel Schmiedebach. Anastasios Donis scheiterte jedoch an Rafal Gikiewicz (7.). Ansonsten fehlten sehenswerte Offensivaktionen. Union hielt humorlos dagegen und konnte sich so immer wieder Luft verschaffen. Gefahr ging von den “Eisernen” aber bis zur 21. Minute nicht aus: Dann zwang Sebastian Andersson VfB-Keeper Ron-Robert Zieler zu einer Glanzparade.

VfB Stuttgart: Zweimal folgte der Schock

Union wurde nun mutiger. Der VfB hatte weitgehend Probleme, den Zweitligisten in Verlegenheit zu bringen – bis der auffällige Donis durchstartete und Gentner zur Führung bediente. Doch der Schock durch den Ausgleich von Abdullahi, der Emiliano Insua ins Leere laufen ließ, folgte prompt.

Willig reagierte und brachte Gomez für den enttäuschenden Daniel Didavi. Der 33-Jährige verpasste kurz darauf erst knapp, ehe er unter Mithilfe von Friedrich die erneute Führung erzwang. Die Einwechslung des Stürmers brachte kurzzeitig etwas mehr Schwung ins VfB-Spiel. Union wackelte, kämpfte sich aber wieder zurück.

Und wurde belohnt: Nach einer Ecke kam Friedrich unbedrängt zum Kopfball und traf per Aufsetzer. Mit weiteren Glanztaten gegen Andersson (78./90.+3) musste Zieler Schlimmeres verhindern, da die VfB-Defensive immer wieder ins Schwimmen geriet.

Worum es dem Fifa-Präsidenten in Wahrheit geht

Angeblich geht es Gianni Infantino um den Fußball. So kann man sich täuschen. Foto: Imago Images / UPI Photo

Am Ende macht Gianni Infantino wieder das, was er am besten kann: Er wäscht seine Hände in Unschuld. Die Fußball-WM 2022 in Katar findet, wie man es seit 1998 kennt, mit 32 Nationen statt und nicht aufgebläht mit 48. Der Fifa-Präsident ist mit seiner Idee krachend an der Lebenswirklichkeit gescheitert. Sogar die kleinere Invasion von Fußballfans aus aller Welt schafft Katar, halb so groß wie Hessen, nur mit allergrößter Kraftanstrengung.

„Es wurde deshalb beschlossen, diese Option nicht weiter zu verfolgen“, ließ Infantino seinen Salto Mortale salopp von der eigenen Fifa-Abteilung kommentieren. Die Botschaft: Ich war’s nicht. So geht das seit Jahren beim Fußball-Weltverband: Da wird mal locker ein irrwitziger Gedanke in den Orbit posaunt, um der Wählerschaft in allen Winkeln des Erdballs ein bisschen Hoffnung auf eine WM-Teilnahme zu schenken – und dann floppt das Ding.

Mit dem Blatter-Gehabe bestens vertraut

Schon Vorgänger Sepp Blatter kam regelmäßig mit Vorschlägen um die Ecke. Vergrößerung der Tore, eine WM alle zwei Jahre, sexy Höschen im Frauenfußball — alles Luftnummern. Er wollte halt vor der Öffentlichkeit den Bürokratenstaub von seinen Ärmeln schütteln und seinen Fifa-Delegierten zeigen, wie innovativ er als alter Mann regieren kann. Wählt mich nur weiter! Infantino antizipiert das Blatter-Gehabe wie kein zweiter Fußballfunktionär.

Damit das niemand missversteht: Es ist gut und richtig, dass die künstliche Erweiterung des WM-Feldes um vier Jahre verschoben wird. Leider muss man sagen: Infantino kommt damit durch. Seine Wiederwahl in diesem Jahr steht nicht zur Disposition. Unterm Strich wird er seinen Stammwählern in Afrika, Südamerika und Teilen Asiens sagen können, dass er’s probiert hat. Nicht seine Schuld, dass Katar keine Zusammenarbeit mit den Anrainerstaaten hinbekam.

Historisches Glück will Katar nicht teilen

Die Wahrheit ist: Warum sollte Katar als WM-Gastgeber sein historisch großes Glück mit konkurrierenden Staaten wie Kuwait und Oman oder gar mit einem der verhassten Nachbarländer Saudi-Arabien und Bahrain teilen? „Es hängt von unserer Bereitschaft ab“, ließ Hassan al-Thawadi, der Generalsekretär im Organisationskomitee, am Wochenende wissen. Mit dieser spitzen Bemerkung wies Katar den Fifa-Chef brüskierend in seine Schranken.

Darum wird man kaum zur Erkenntnis gelangen können, dass Infantino zur Vernunft gekommen ist. Er hatte keine Wahl und musste sich fügen. Die Zeit spielt eh für ihn: In vier Jahren findet die WM wie geplant mit 48 teilnehmenden Ländern statt: mit Kanada, USA und Mexiko als Gastgeber – die können das. Der Fifa-Präsident wird das Mammutturnier 2028 als größtes Völkerfest der Geschichte feiern. Bis dahin macht Infantino, was er am zweitbesten kann: Schadensbegrenzung.

Attacke Westfalia: Sturm und Drang für 165 Millionen

Die letzte Neuverpflichtung tätigte der BVB gestern: Julian Brandt kommt aus Leverkusen. Foto: BVB

Beim BVB wollten sie gestern locker wirken, als der dritte Neuzugang feststand. In einem kurzen Video gönnte sich Julian Brandt einen tiefen Schluck aus dem Wasserglas, was eine Spielerei mit dem Namen sein sollte: Ich habe Brand. Plötzlich taucht Michael Zorc aus dem Nichts auf und sagt: “Wir auch.” Den mit t am Ende.

Verständlich ist die gute Laune des Sportdirektors allemal. In nur wenigen Stunden meldete er Vollzug, wie er Borussia Dortmund aufrüstet: Nico Schulz aus Hoffenheim, Thorgan Hazard aus Mönchengladbach und eben Julian Brandt aus Leverkusen – in Dortmund wird weiter geklotzt und nicht gekleckert.

Da verwundert Zorcs Lockerheit schon. Es sind unglaubliche Summen, die Borussia Dortmund gerade bewegt. 75 Mio. Euro soll das Trio an Ablösen kosten – und damit nicht genug. Jeder einzelne von den dreien wird, je nach Prämienregelung, zwischen fünf und acht Mio. Euro Jahresgehalt beim Vizemeister kassieren.

Bayern nur 170 Mio. Euro teurer als der BVB

Alle haben Verträge über fünf Jahre. Macht in Summe: zusätzlich 90 Mio. Euro an Jahresgagen bis 2024. Auf einen Schlag springt der Marktwert des BVB – so Transfermarkt.de – auf über 600 Mio. Euro. Die Bayern-Mannschaft, nur mal zum Vergleich, ist lediglich 170 Mio. Euro teurer.

Bei aller Ungenauigkeit dieser Hochrechnungen: Auch bei einem Verein, der eine halbe Milliarde Euro Jahresumsatz ausweist, ist die Investition von 165 Mio. Euro kein Pappenstiel. Sowas macht nur, wer größere Pläne hat und ins Risiko gehen will. Und da kommt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ins Spiel.

Er macht kein Geheimnis daraus: Dass erneut die Bayern die Meisterschaft gefeiert haben, die siebte in Folge, ärgert ihn gewaltig. Ein gewisser Kleinmut hat den Klub überfallen, als in der Saison Punkt für Punkt verloren ging. Das Selbstbewusstsein aus der Hinrunde – plötzlich in der Rückrunde verschwunden.

Für den BVB ein Evolutionsschritt

Watzke sagt heute: Der BVB werde mit der Maßgabe in die neue Saison gehen, “dass wir ohne Wenn und Aber um die deutsche Meisterschaft spielen”. Einen “Evolutionsschritt” nennt er das, eine Weiterentwicklung. Die Wahrheit ist: Der 59-Jährige erhöht den Druck auf die komplette Vereinsführung.

Es gibt jetzt die Entschuldigung nicht mehr, dass die Mannschaft in einer Lernphase verharrt. Reus, Brandt, Hazard, Götze, Schulz, Witsel, Dahoud, Sancho – die Attacke Westfalia ist mit so viel Sturm und Drang gesegnet, wie sie Bayern in diesem Umfang nicht vorweisen kann. Fehlt nur eine unzerbrechliche Abwehrkette.

“Vielleicht muss auch ich wieder etwas aggressiver werden”, sagt er und vernebelt damit ein bisschen, dass er längst seine Hinterlassenschaft regelt. Wenn er in drei Jahren die Nachfolge von Präsident Reinhard Rauball antritt, also 2022, übergibt er an die neue Geschäftsführung eine zukunfts- und wettbewerbsfähige Mannschaft.

Friedhelm Funkel: Abrechnung bei Fortuna Düsseldorf

Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel. Foto: Imago Images / Defodi

Man kann nicht mit letzter Bestimmtheit sagen, ob Friedhelm Funkel jetzt die vollständige Wahrheit über seine verpatzten Vertragsgespräche im Januar erzählt oder die emotionale Rückschau Ungenauigkeiten provoziert. Jedenfalls: Man kann den Trainer von Fortuna Düsseldorf gut verstehen, dass er jene versuchte Ausbootung als Respektlosigkeit empfindet.

Mit einem Mini-Etat hatte Funkel die Mannschaft zurück in die Bundesliga geführt und den verkorksten Saisonstart kraft seiner Erfahrung und Ruhe überwunden. Den Bayern luchste er in deren Stadion einen Punkt ab, der damalige Tabellenführer Borussia Dortmund ging in Düsseldorf sogar komplett baden. Man sollte Funkel niemals unterschätzen.

Heute wirft er seinem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer und Teamchef Robert Palikuca ein falsches Spiel vor. Das Wort “Lügen” fällt in seiner Abrechnung nicht direkt. Es hängt aber in der Luft, wenn er auf Palikucas Amtshandlung beim 1. Nürnberg verweist: Er will nicht glauben, dass die Verbindung zu Trainer Damir Canadi erst jetzt erfolgt sein soll.

Damals im Januar hätten sie ihm Stein und Bein geschworen, dass die Gerüchte um Canadi nicht stimmten: Niemand hatte die Absicht… Funkel, seit Jahrzehnten im Geschäft, zählt eins und eins zusammen: Man wollte ihn loswerden und durch Canadi ersetzen. Inzwischen ist die Sache geklärt: Funkel durfte bleiben – und seine beiden Gegenspieler sind weg.

Nicht zuletzt sein Fall offenbart die Verlogenheit einer ganzen Branche: Warum ist es nicht möglich, dass jeder Klubverantwortliche, der ja in seiner Region Maßstäbe setzt, Anstand und Größe aufbringt, wenn sich die Gewissheit durchsetzt, dass die Wege sich trennen sollten? Max Eberl hat es in Mönchengladbach getan: Dieter Hecking wusste frühzeitig Bescheid.

Niko Kovac dagegen hängt beim FC Bayern ebenso in der Luft wie vor ihm Hannes Wolf beim Hamburger SV. An Entschuldigungen mangelt es nicht. Die Phase der Meisterschaft, die Konzentration vor wichtigen Spielen, die Umstände im Allgemeinen: Es ist nicht lange, dass die Bayern selbst dem Bundestrainer Löw eine Hinhalte-Taktik in Personalfragen vorwarfen.

“Viktoria Köln entlässt den Trainer als Tabellenerster am vorletzten Spieltag, Markus Anfang muss in Köln als Meister gehen und Niko Kovac steht beim FC Bayern in Frage, obwohl er vielleicht das Double holt. Unabhängig von meiner Person zeigen die drei Beispiele, dass man uns Trainer nicht braucht. Wir können zu Hause bleiben”, klagte Hecking am Wochenende.

Bruno Labbadia, der beim VfL Wolfsburg den Stecker zog, bevor es Manager Jörg Schmadtke tun konnte, brachte es auf den Punkt: “Das Umfeld wird immer schwieriger, weil zu viel Geld im Umlauf ist. Es wird viel Politik betrieben.” In der Sache ist er natürlich als Trainer befangen. Unberechtigt ist seine Analyse nicht. Der Sittenverfall ist unübersehbar.

Wenn alle Seiten beteuern, wie wichtig ihnen die Trainerposition ist, kommt die Liga eigentlich nicht an einen Ehrenkodex vorbei. Es geht weniger darum, gut bezahlte Führungskräfte zu schützen. Aber die Strahlkraft einer Liga hängt auch davon ab, wie sie mit Aushängeschildern, und das sind Trainer, umgeht. Friedhelm Funkel war bei seiner Wortwahl noch gnädig.

So rüstet Borussia Dortmund gegen Bayern auf

Nico Schulz, Thorgan Hazard und Julian Brandt (von links). Fotos: Imago Images

Thorgan Hazard plauderte nach dem Saisonfinale intensiv mit Axel Witsel. Der Belgier von Borussia Mönchengladbach dürfte sich dabei bei seinem Landsmann schon einmal über die Vorzüge von Borussia Dortmund informiert haben. Dass der Offensivspieler zum Vizemeister wechseln wird, ist sicher. Hazard soll beim Angriff auf Dauermeister Bayern München aber nicht die einzige Verstärkung bleiben. Während Marco Reus und Co. die verpasste Titelchance im Urlaub verarbeiten, geht für die BVB-Verantwortlichen die Arbeit richtig los.

“Die Saison ist eine Verpflichtung und Motivation, im nächsten Jahr wieder anzugreifen und eine noch bessere Mannschaft aufzustellen”, sagte Sportdirektor Michael Zorc. Offensivspieler Hazard wird für rund 30 Millionen Euro zum achtmaligen deutschen Meister wechseln. Mit Gladbach sind nur Details zu klären. Man werde aber “die letzten kleinen Kieselsteine aus dem Weg räumen”, bestätigte der Gladbacher Sportdirektor Max Eberl.

Die Verpflichtung von Nationalspieler Nico Schulz steht ebenfalls kurz bevor. Für den Linksverteidiger muss der BVB rund 25 Millionen an die TSG Hoffenheim überweisen. Zum Königstransfer könnte aber Julian Brandt avancieren. Der Nationalspieler besitzt bei Bayer Leverkusen eine Ausstiegsklausel über 25 Millionen Euro. 

Der flexibel einsetzbare Offensivspieler würde sehr gut ins System von Trainer Lucien Favre passen. Der BVB wollte diese Personalie aber (noch) nicht kommentieren; auch Brandt vermied zuletzt Aussagen über seine Zukunft. Der Wechsel könnte in den nächsten Tagen verkündet werden.

Welche Korrekturen am Kader noch vorgenommen werden müssen, werden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Zorc, Lizenzspieler-Abteilungsleiter Sebastian Kehl, Favre und Berater Matthias Sammer bei ihrer abschließenden Saisonanalyse am Dienstag klären. Einen großen Umbruch wird es aber nicht geben. Kehl bescheinigt der Mannschaft “großes Potenzial“. Borussia Dortmund sei ein Verein, “der Titel gewinnen kann”.

Dafür muss aber am Defensivverhalten gearbeitet werden. 44 Gegentore in der abgelaufenen Saison waren einfach zu viel. “Wir haben dieses Jahr einen großen Schritt gemacht. Wir haben uns spielerisch weiterentwickelt. Wir haben aber zu viele Gegentore bekommen”, sagte Kapitän Reus.

Einige Spieler werden den BVB aber auch verlassen. Die ausgeliehenen Sebastian Rode, Andre Schürrle, Shinji Kagawa, Jeremy Toljan und Alexander Isak kehren zwar im Sommer zurück, es ist aber allenfalls eine Weiterbeschäftigung von Toljan und Isak vorstellbar. An Maximilian Philipp zeigte zuletzt der VfB Stuttgart Interesse. Die Zukunft von Ex-Kapitän Marcel Schmelzer, der unter Favre in der Rückrunde keine Rolle mehr spielte, ist offen.