Warum Christoph Metzelder den Trainerschein macht

So entspannt erlebt man Christoph Metzelder in Haltern am See. Foto: Imago Images / Stepniak

Christoph Metzelder nimmt am 66. DFB-Lehrgang für angehende Fußballlehrer teil. Das bedeutet: Der 38-Jährige wird nicht Sportchef beim FC Schalke 04 oder RB Leipzigz, wie in der Branche spekuliert wurde. Dass es Gespräche gab, räumt Metzelder gegenüber Fever Pit’ch ein.

5 Fragen an Christoph Metzelder

Fever Pit’ch: Trainer statt Manager – warum das?

Christoph Metzelder: In den letzten Wochen ist bei mir die Entscheidung gereift, dass ich mich im Fußball und darüber hinaus noch generalistischer weiterentwickeln möchte. Dazu gehört neben meiner Tätigkeit als 1. Vorsitzender des TuS Haltern am See und meiner Stiftung sowie meinem Engagement bei unserer Agentur auch eine fachspezifische Weiterentwicklung im Fußball. Ich möchte meine (Trainer)ausbildung abschließen!

Fever Pit’ch: Warum nicht weiter bei Sky?

Christoph Metzelder: Ich hatte das Glück, direkt nach meiner aktiven Zeit bei Schalke, Dortmund und Madrid die Perspektive zu wechseln und Sportfernsehen zu machen. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig war es aber auch eine hohe Anforderung, jeden Samstag in der ganzen Republik oder in München unterwegs zu sein, wenn man sonntagmorgens mit dem ersten Flieger um 6 Uhr nach Düsseldorf fliegen muss, um pünktlich zu den Spielen der U19 zu kommen. Ich freue mich jetzt auf Regionalliga-Fußball am Samstag bei und mit dem TuS Haltern.

Fever Pit’ch: Wie konkret waren die Gespräche mit Schalke 04 und RB Leipzig?

Christoph Metzelder: Es gab auf beiden Seiten einen ersten Austausch. Aus unterschiedlichen Gründen wurden diese bislang nicht vertieft. Gleichzeitig hat der DFB auf eine konkrete Antwort gewartet, ob ich an dem diesjährigen Trainerjahrgang teilnehme, so dass in den letzten Wochen die finale Entscheidung für den Trainerlehrgang und eine noch aktivere Rolle in unserer Agentur BrinkertMetzelder gefallen ist. 

Fever Pit’ch: Fürchtete man den großen Namen?

Christoph Metzelder: Das müssen andere beantworten. Mein Gefühl war es nicht, im Gegenteil. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein absoluter Teamplayer bin. Ich freue mich darauf, den deutschen Fußball in den kommenden Jahren – an welcher Stelle auch immer – mitzugestalten.

Fever Pit’ch: Ihre Agentur BrinkertMetzelder braucht eigentlich keinen Trainer, oder?

Christoph Metzelder: Definitiv nicht, aber es ist auch klar, dass wir neben dem Schwerpunkt sozialer und gesellschaftlicher Kommunikation demnächst auch wieder im Sport voll angreifen werden. Dafür benötigt es, wenn Sie so wollen, auch neben Raphael Brinkert einen Co-Trainer, der täglich mit auf dem Platz steht.

Endlich erste Liga! Union Berlin in Herzblut getränkt

Die Spieler in Rot feiern den Aufstieg, die in Schwarz sind am Boden zerstört. Verkehrte Welt an der Alten Försterei: Union Berlin steigt auf, der VfB Stuttgart steigt ab. Foto: Imago Images / Rudel

Union Berlin, das zeigten die TV-Bilder vom zweiten Relegationsspiel, ist eine Bereicherung für die Bundesliga. An der Alten Försterei wird Fußball gelebt. Nach zehn Jahren in der 2. Liga haben sich die Verantwortlichen um Präsident Dirk Zingler den Aufstieg verdient.

Union Berlin, das zeigte die Spielweise gegen den VfB Stuttgart, steht eine schwere Saison bevor. Da wird Fußball gerumpelt. Man darf sich nichts vormachen: Der Klub aus Köpenick ist nach dem zweiten Aufsteiger SC Paderborn Abstiegskandidat Nummer 1.

Der Marktwert des gesamten Kaders liegt mit 23 Mio. Euro so hoch wie das Jahresgehalt der beiden Bayern-Stars Robert Lewandowski und Thomas Müller. Man wird Verstärkung anlocken können, ja. Der große Wurf wird kaum dabei sein.

Der Verweis auf Fortuna Düsseldorf und den sensationellen Klassenerhalt unter Trainer Friedhelm Funkel taugt wenig. Sogar das Mini-Budget des Vorjahresaufsteigers ist dreimal so hoch. Soll Union Berlin deswegen die Segel streichen? Ganz sicher nicht!

Die Eisernen sind der lebende Beweis, dass der deutsche Profifußball Wunder zulässt. Dass ehrliche und dauerhafte Arbeit belohnt wird. Dass die Chance auf das Abenteuer Bundesliga Kräfte freisetzt, die größer als das Statusdenken beim HSV und beim VfB Stuttgart sind.

Von Bayern München bis Schalke 04: Sie alle werden den 56. Bundesliga-Verein seit 1963 kennenlernen und vielleicht im ersten Jahr überrascht sein, was Union im eigenen Stadion zu leisten imstande ist. Im Süden trotzt ja auch der SC Freiburg den Branchengesetzen.

Jenseits von Hertha BSC sind alle anderen Berliner Rivalen in der ersten Liga gescheitert und anschließend zerfallen. Zwei Spielzeiten schaffte Tennis Borussia, jeweils eine Blau-Weiß und Tasmania. Zumindest diese Auflösungserscheinungen droht Union nicht.

Der Verein ist mit seinem Publikum gewachsen, nicht abhängig von dem einen Mäzen, sondern in Herzblut getränkt. Das Weihnachtssingen im Stadion: Union hat’s erfunden, niemand anderes. Der Chor ist Ausdruck großer Gemeinsamkeit.

Den Liga-Vermarktern wären große Klubs mit ihren Heerscharen von Fans vielleicht lieber gewesen. Man darf neugierig sein, wie sich der unerwartete Neuling in der Bundesliga schlägt. Schöner ist die Geschichte von Union allemal.

Für VfB Stuttgart geht’s heute um Alles oder Nichts

Mario Gomez zeigt seine Unzufriedenheit. Nur 2:2 gegen Union – das wird schwer im Rückspiel. Foto: Imago Images / Eibner

Die Ausgangslage ist dürftig, der Druck massiv, der Optimismus nach wie vor groß: Der schwer angeschlagene VfB Stuttgart macht sich angesichts des drohenden dritten Bundesliga-Absturzes vor dem Nervenspiel am Montag bei Union Berlin reichlich Mut.

Während der Zweitligist nach dem beachtlichen 2:2 (1:1) in Stuttgart auf die Atmosphäre an der Alten Försterei baut, um den großen Traum vom Aufstieg zu realisieren, setzen die krisengeplagten Schwaben im brisanten Relegations-Rückspiel auf ihre vermeintlich größere individuelle Klasse.

“Wir haben eigentlich die bessere Mannschaft als Union”, sagte VfB-Präsident Wolfgang Dietrich trotzig. Der Bundesligist um Weltmeister Benjamin Pavard und Torjäger Mario Gomez sei schlicht “stärker. Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen”, betonte Anastasios Donis. Auch Torjäger Mario Gomez zeigte sich siegessicher: “Wir werden zurückschlagen.”

“Das Stadion wird brennen”

Allerdings erwarte den Bundesliga-Sechzehnten. “ein richtiger Hexenkessel, da muss man ein dickes Fell haben”, warnte VfB-Trainer Nico Willig an. “Das Stadion wird brennen“, kündigte Union-Innenverteidiger Marvin Friedrich bereits an. 22.000 Zuschauer werden die Berliner im Kultstadion in Köpenick leidenschaftlich unterstützen, man dürfe dennoch “nicht überdrehen”, unterstrich Trainer Urs Fischer.

Auch wenn Union schon ein 0:0 oder 1:1 reichen würde, werde sein Team versuchen zu gewinnen. “Wenn du mit dem Gedanken ins Spiel gehst, 0:0 zu spielen, wird das nicht aufgehen”, sagte der Schweizer, der auf die gelbgesperrten Christopher Trimmel und Felix Kroos verzichten muss. Die Favoritenrolle sieht Fischer nach wie vor beim VfB. Man habe im Hinspiel “gesehen, wie hoch die Qualität ist”. Hohe Qualität? Favorit?

Dritter VfB-Abstieg nach 1975 und 2016 droht

Selbst Willig, der um Daniel Didavi (muskuläre Probleme) bangt, dafür aber den lange gesperrten Santiago Ascacibar wieder zur Verfügung hat, sieht den Zweitligisten inzwischen “im Vorteil. Wir haben aber ein Finale vor uns. Es wird davon abhängen, wer in dieser Drucksituation, in diesem Wissen, um was es geht, die bessere Leistung abruft”, sagte der Interimscoach.

Am Donnerstag war dem VfB, dem beim dritten Abstieg nach 1975 und 2016 neben großen finanziellen Einbußen (bis zu 40 Millionen Euro) auch ein immenser Imageschaden droht, der große Druck deutlich anzumerken gewesen. Entsprechend geht beim VfB die Angst um, Gomez kritisierte bereits die Stimmung. “Das gefällt mir nicht”, sagte der 33-Jährige und forderte seine Kollegen auf, den Kopf schnell wieder hoch zu nehmen.

VfB-Trainer fordert mehr Mut und Aggressivität

Der VfB wäre erst der sechste Erstligist im 21. Duell, der in der Relegation an einem Zweitligisten scheitern würde. Eine Überraschung wäre dies nach dem mageren Hinspiel-Ergebnis nicht. Zudem sind die Berliner äußerst heimstark (nur eine Niederlage), die Stuttgarter dagegen auswärts in einer ohnehin oft gruseligen Saison harmlos (nur ein Sieg). Entsprechend forderte Willig “mehr Mut, mehr Aggressivität. Wir müssen agiler sein, sonst haben wir keine Chance”, sagte er. Jeder müsse “maximale Zeichen setzen”

FC Bayern: Die späte Genugtuung des Niko Kovac

Niko Kovac grüßt von oben: Der Bayern-Trainer gestern bei der Siegesgeier auf dem Rathausbalkon in München. Vor ihm: Meisterschale und DFB-Pokal. Foto: Imago Images / kolbert-press

Im Interview mit der Rheinischen Post prahlte der Trainer Dieter Hecking plötzlich mit seinem Wissen über das Alter seiner Berufskollegen. Lucien Favre und Ralf Rangnick jeweils 60, Peter Bosz 55, er selbst und Bruno Labbadia 53, Adi Hütter 49 Jahre alt – da gilt Niko Kovac mit 47 Jahren als Jungspund unter Deutschlands Spitzentrainern.

Wer wollte, konnte zwischen Heckings Zeilen eine gewisse Genugtuung heraushören, dass der prophezeite Generationswechsel ausgeblieben ist. Die ersten sieben Bundesliga-Plätze belegen eben nicht jene, die voriges Jahr, als Domenico Tedesco (33) mit dem FC Schalke 04 überraschend Vizemeister wurde, zu Botschaftern eines Jugendstils ausgerufen wurden.

Nicht das Alter entscheidet, wie modern oder erfolgreich der Fußball ist, den der Trainer spielen lässt, sondern immer noch das Fachwissen und die Verständigung über die ganz profanen Dinge des Fußballs. Nicht anders ist zu erklären, dass Niko Kovac seinen Job beim FC Bayern erledigt hat – und lieferte, was seine Bosse wollten, Meistertitel und DFB-Pokal. Die müssen ihn jetzt behalten.

Als Bayern-Trainer das Star-Ensemble hinbiegen

Dass er der erste ist, der als Spieler und Trainer das Bayern-Double gewann, verrät zum einen seine Erfahrung auf und neben dem Rasen, zum anderen die Dimension seiner  Leistung: Auch bei einem Verein wie dem FC ist es nicht üblich, dass die Meisterschaft mit Handauflegen geholt wird. Man muss dieses Star-Ensemble hinbiegen.

Das vereinswidrige Verhalten von Jerome Boateng bei den Abschlussfeiern seines Arbeitgebers gibt Außenstehenden Hinweise auf das Fegefeuer von Eitelkeiten, in dem sich ein Trainer, der außer einem Pokalsieg nicht viel an Lorbeer mitbrachte, zu bewegen hat. Jeden Satz und jede Geste diskutieren sie in München. Kovac hat es im ersten Jahr voller Wucht erlebt.

Anständigkeit statt Trophäensammlung

Die meisten Vorgänger (Ottmar Hitzfeld, Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Carlo Ancelotti) hatten schon Henkeltöpfe gewonnen, als sie zu Bayern kamen. Sie kannten deswegen die gruppendynamischen Prozesse, die eine Spitzenmannschaft in einer Saison durchläuft. Kovac brachte seine Anständigkeit und Bodenhaftung ein.

Das wird ihm hoch angerechnet. Die Fans im Stadion haben ein feines Gespür dafür, wenn dort einer, der in der Verantwortung steht, authentisch bleibt. Den Namen Kovac haben sie auch deswegen gerufen: Er gibt ihnen das Gefühl zurück, dass der Fußball Aufstiegschancen bietet, wenn man die Arbeit ordentlich erledigt.

Wer wird Trainer des Jahres?

Bei der Wahl Trainer des Jahres wird man diesmal grübeln müssen. Ist es Friedhelm Funkel, der mit einem Mini-Etat Fortuna Düsseldorf zum Klassenerhalt führte? Oder doch Niko Kovac, der Zweifel besiegte, vielleicht auch seine eigenen, und zwei Titel gewann? Verdient hätten beide die Auszeichnung.

Der Fall Kovac: Kehrtwende beim FC Bayern

Als die Welt noch in Ordnung schien: Karl-Heinz Rummenigge mit seinem Trainer Niko Kovac beim Oktoberfest. Foto: Imago Images / Revierfoto

Niko Kovac kürzlich bei der Pressekonferenz. Niedergeschlagen, traurig, desillusioniert. Er sprach von Menschlichkeit, von guten Manieren, vom Geschäft. Jede Faser seines Körpers schrie heraus, was der Job beim FC Bayern mit einem Trainer macht. Er sah furchtbar aus.

Nicht ein Wort der Würdigung ereilte Kovac, als er in der Bundesliga neun Punkte Rückstand in zwei Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund umwandelte, ins DFB-Pokalfinale durchmarschierte und heute sein erstes Bayern-Jahr mit dem Double krönen kann.

Die Bayern-Bosse ließen ihn im Ungewissen, wie es nach der Saison weitergeht. Die Namen von Nachfolgern blieben seltsam präsent im Raum hängen. Freunde empfahlen schon den Rücktritt. “Einfach unwürdig, was die Bayern mit Niko Kovac tun”, schrieb Fever Pit’ch.

Das alles muss man wissen, um die Geste von Karl-Heinz Rummenigge richtig einzuordnen. Als der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern gestern auf einer Bild-Veranstaltung in Berlin zur Kovac-Zukunft gefragt wurde, tat er die Spekulationen mit einer Handbewegung ab.

Der Bayern-Boss hob den linken Daumen

Rummenigge hob den linken Daumen, als wollte er dem Volk wie im Alten Rom zeigen: Der Gladiator darf in Gottes Namen leben. Kein Wort des Bedauerns für die Missverständnisse zuletzt, keine Entschuldigung, nur die nachgeschobene Erklärung: Niemand beim FC Bayern habe Kovac infrage gestellt.

Seine eigene provokante Nährung von Mutmaßungen, dass er Kovac ablösen will: plötzlich in Luft aufgelöst, als sei nie etwas gewesen? Die Bayern-Wende ist ein Witz. War alles wirklich nur ein Trick, um die Spannung nach dem 5:0 gegen Dortmund hochzuhalten?

Rummenigge kann das nicht für sich reklamieren. Er ist jedem Bekenntnis, wenn die Gelegenheit zur Solidarität bestand, ausgewichen und hat vom Trainer des Bundesliga-Tabellenführers das Leistungsprinzip eingefordert. Er wusste nur zu gut: Damit tritt er öffentliche eine Lawine los.

Nicht die übersättigte Mannschaft, die sich für große Liga-Spiele zusammenreißen kann, aber die kleinen vergeigt (Düsseldorf, Nürnberg, Freiburg), stand am Pranger. Sondern: der Trainer. Der zeigte nur selten, wie in eben jener Pressekonferenz, wie es in ihm aussah.

Niko Kovac dirigierte eine übersättigte Mannschaft

Geht man so mit Menschen um? Ja, Trainer werden gut bezahlt, dass sie ihr eigenes Ego dem Egoismus ihres kickenden Personals unterordnen. Im Gegenzug dürfen sie, solange sie Ergebnisse liefern, Loyalität aus der Teppich-Abteilung des Vereins beanspruchen.

Im Fall Kovac war das alles anders. Rummenigge aber distanzierte sich, als Rückhalt, Bestätigung oder einfach ein Lob gefordert waren. Präsident Uli Hoeneß, ein Befürworter des Trainers, hielt sich auffallend unauffällig in der Causa Kovac.

Dabei müssten sie ihm dankbar sein. In der Vorweihnachtszeit setzte Kovac die Arbeit als verlässlicher Punktelieferant for, stand das Liverpool-Aus in der Champions League durch und behielt die Nerven, als Verfolger BVB zurück in die Spur kehrte.

Heute, im Endspiel gegen RB Leipzig, kann Niko Kovac als Bayern-Trainer jenen DFB-Pokal verteidigen, den er voriges Jahr als Eintracht-Trainer gegen die Bayern gewonnen hat. Vereinsgeschichte schrieb er eh schon.

Niko Kovac ist der erste seit Franz Beckenbauer, der als Spieler wie als Trainer Deutscher Meister geworden ist. Die Südtribüne in der Allianz-Arena weiß das zu schätzen und rief vorigen Samstag seinen Namen. Und dann hebt Rummenigge nur den linken Daumen?

Das Pokalfinale heute im Olympiastadion kann sein ganz persönlicher Triumph werden. Nur muss er sich dessen bewusst sein: Felix Magath holte 2005 und 2006 sogar zweimal das Double – und musste trotzdem im dritten Jahr gehen.