Oliver Kahn wird 50: „Ich habe den Fußball überliebt“

Vom Rasen-Rowdy zum designierten Bayern-Boss – die wundersame Verwandlung des Oliver Kahn. Heute wird der Titan 50 Jahre alt.

Eine Szene, die Bundesliga-Geschichte schrieb: Torwart Oliver Kahn (Bayern) verliert die Beherrschung und gefährdet mit gestrecktem Bein die Gesundheit von Stephane Chapuisat. Foto: Imago Images / Team2

Darauf hat Oliver Kahn immer Wert gelegt: Einen wie ihn gibt es kein zweites Mal. Als ihm sein Torwartkollege René Adler den Beinamen „Titan“ für eine Handschuhmarke streitig machte, zog der dreimalige Welttorhüter vor Gericht und beanspruchte Exklusivität. Beschwichtigungsversuche schlugen fehl. Titan – das klingt so einzigartig, so eng verbunden mit ihm, dem Vizeweltmeister von 2002, dass er keinen Millimeter einlenkte. Nächster Verhandlungstermin: 29. Oktober dem Landgericht München.

Man darf also gespannt sein, wie Oliver Kahn seine künftige Rolle als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern definieren wird. „Er hat sich enorm entwickelt und eine innere Ruhe gefunden“, behauptet Präsident Uli Hoeneß zwar. Der Sport-Informationsdienst (SID) aber hält dagegen: „Kahn hat das Mia-San-Mia im Blut, er verkörpert den Erfolgshunger und auch den hohen Anspruch, der beim 29-maligen deutschen Titelträger zur Überzeugung gehört.“

Die Erfolge von Oliver Kahn als Bayern-Torwart

Ruhe: kennt Kahn nicht. Am Samstag wird er 50 Jahre alt und könnte auf eine erfüllte Profikarriere als Bayern-Torwart zurückblicken. 14 Jahre lang sammelte er fleißig Titel: Champions-League-Sieg 2001 und Uefa-Cup 1996, acht Deutsche Meisterschaften und sechs DFB-Pokalsiege von 1994 bis 2008. Seit er aufhörte, hat er nicht ein einziges Fußballspiel mehr bestritten. Nicht einmal aus Gaudi in Traditionsmannschaften. „Ich habe den Fußball überliebt“, scherzt er darüber.

Stattdessen baute er eine neue Existenz auf. Das Fußballpublikum erlebt ihn als TV-Experten im ZDF und als Werbefigur eines Wettanbieters. Im Hintergrund absolvierte er ein BWL-Studium und gründete das Unternehmen „Goalplay“ in München; zwei Dutzend Angestellte hat seine Firma inzwischen. Seine Reputation als Torwart-Titan machte er zu Geld: Der Weltmarktführer Samsung lässt ihn sogar eine eigene Torwartschule allein fürs Fernsehgerät produzieren.

FC Bayern braucht Oliver Kahn – mehr als umgekehrt

Womöglich braucht ihn der FC Bayern mehr als umgekehrt. Die Gespräche darüber, dass er 2020 eingearbeitet wird und spätestens 2021 den Vorstandsvorsitz von Karl-Heinz Rummenigge übernimmt, seien „sehr, sehr entwickelt“, wie Kahn im Gespräch mit diesem Autoren einräumt. Spruchreif sei der Wechsel nicht. Zumindest: noch nicht. Ein bisschen Beinfreiheit, wie weit er sich im Schatten von Uli Hoeneß bewegen darf, muss auch er verhandeln.

Auf der Spielmacher-Konferenz in Hamburg ließ Oliver Kahn am Mittwoch durchblicken, dass er Regulierungen im Bundesliga-Betrieb nicht ausschließt, um die Chancengleichheit zwischen den Vereinen zu erhöhen. Gleichzeitig weigert er sich, Investoren grundsätzlich zu verteufeln, und ermahnt die Klubs lieber zu einer gewissenhaften Vorbereitung auf den Fall, dass der alte Vereinsgrundsatz „50+1“ in der Liga wegfällt. Als Bayern-Boss darf er die Bundesliga prägen.

Man merkt bei jedem Satz: Das ist nicht mehr jener Kahn, der auf dem Spielfeld Gegenspieler in den Hals beißen (Heiko Herrlich) oder mit Kung Fu niederstrecken (Stephane Chapuisat) wollte. Nicht mehr jener Kahn, der mit der Eckfahne wedelnd „Weitermachen! Immer weitermachen!“ brüllte (2001) oder von seiner Mannschaft „Eier! Wir brauchen Eier!“ einforderte (2003). Nicht mehr jener Kahn, der Mitspieler am Nacken packte und aus Wut wegschleuderte (Andy Herzog 1996).

Der neue Kahn kommt mit Ideen

Der neue Kahn hat den US-Sport studiert und versteht Fußball als Manager-Aufgabe. „Matthias Sammer weiß alles von Fußball“, sagt er. „Aber mit Management will er nichts zu tun haben.“ Er sei da anders. Social Media, Markenaufbau, Fußball als Geschäftsidee, Innovation: Er lebt das alles. Bewundernd schaut er zu Juventus Turin, wo sie Cristiano Ronaldo 2018 holten, als er zu haben war. Als Bayern-Boss hätte auch er das Unmögliche durchgerechnet. Man weiß ja nie.

An der Harvard-Uni hat er kürzlich seine Führungsqualitäten geschult, um den neuen Job bestens vorbereitet anzutreten. „Der FC Bayern ist ein ganz, ganz großer Teil des Lebens gewesen“, sagt er, „da hat man schon eine gewisse Verpflichtung.“ In der Klageerwiderung von René Adler steht zur Verwendung des Titan-Begriffs: Oliver Kahn sei „schlicht einer von vielen“, die sich Titan nennen dürften. Er wird nicht nur René Adler das Gegenteil beweisen wollen.

Fotos: Imago Images / Ulmer und Team2