Matthias Sammer im Interview

Matthias Sammer empfindet sein Aus als TV-Experte bei Eurosport als persönliche Befreiung. “Wenn ich das Gefühl nicht gehabt hätte, dass es mich auch befreit, wäre es der falsche Schritt gewesen. Aber das war es nicht”, sagte der Europameister von 1996 im SID-Interview.

250 Tage Aufwand im Jahr waren für den “Hyper-Perfektionisten” Sammer physisch und mental zu viel. “Sie haben ein, zwei Tage Anreise, 34 Spiele. Zwei Gegner, die mit zwei, eher drei Tagen betrachtet werden. Dann habe ich die Szenen selbst rausgesucht und noch ein Meinungsformat gemacht”, erklärte Sammer: “Es kam die Erkenntnis, dass ich das nicht mehr möchte, mich befreien wollte.” Die Zeit bei Eurosport sei “fantastisch” gewesen, “das ganze Team überragend. Doch es kam das Gefühl, dass körperlich-geistig der Zeitpunkt war, aufzuhören.”

Matthias Sammer im Wortlaut beim SID

SID: “Matthias Sammer, haben Sie mehr Spiele von der U21-EM oder der Frauen-WM gesehen?”

Sammer: “Es hält sich die Waage. Ich liebe das Spiel an sich. Ich war traurig, dass die Frauen ausgeschieden sind.”

SID: “Können Sie das noch: ohne professionellen Blick Fußball gucken?”

Sammer: “Ich kann gut unterscheiden, ob ich in der Verantwortung stehe oder nicht. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden. Ich lasse mich auch mal berieseln.”

SID: “Sie betreuen mit der App GOKIXX als Chefstratege junge Spieler ganzheitlich. Sind die Zeiten vorbei, in denen Spieler wie Miroslav Klose es von außerhalb des Systems ganz nach oben schaffen konnten?”

Sammer: “Es ist die Aufgabe, das Bestmögliche für die Jugendlichen zu wollen. Individualisierung beginnt nicht erst mit 18. Es gibt die Klubs, den DFB, das Elternhaus, die Berater. Aber es gibt vielleicht auch etwas dazwischen. Das halte ich für eine interessante Herangehensweise: Eine Nische zu entdecken, die mit viel Inhalt kommt, aber auch eine neutrale Instanz sein kann.”

Matthias Sammer mit Hans-Joachim Watzke. Fotos: Imago Images / ActionPictures

SID: “Wo steht der deutsche Nachwuchs im Jahr 2019?”

Sammer: “Wir können ergebnistechnisch nur bedingt zufrieden sein, was die U17 international betrifft, die U19. Die U21 hat eine gute EM gespielt. Die Delle, die wir durchlaufen haben, wird uns nicht groß wehtun. Die Qualität an jungen Spielern, die jetzt nachkommen aufgrund der Entwicklung, die vor vier, fünf Jahren eingeleitet wurde – lassen wir vier, fünf Jahre weg, die wir es nicht gut gemacht haben – wird verhindern, keine starke Nationalmannschaft zu haben. Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Niklas Süle. Julian Brandt, Kai Havertz, da ist eine Menge Qualität. Doch jetzt heißt es wieder: nur noch individuell! Da müssen wir aufpassen. Wenn du nur in der Individualisierung bist, wirst du keine Leader mehr entwickeln.”

Über die Kluft zwischen Nachwuchs und Profis

SID: “Wird die Kluft zwischen Nachwuchsteams und den Bundesliga-Mannschaften immer größer?”

Sammer: “Direkt aus dem Nachwuchs bei Bayern München oder Borussia Dortmund hineinzukommen, ist fast nicht mehr möglich. Wenn es einem absoluten Spitzenverein gelingt, einen Spieler aus dem Nachwuchs in vier Jahren hochzuführen, hat er seine Aufgabe erfüllt. Aber Nachwuchsarbeit ist ja nicht nur für die Spitze.” 

SID: “Die Verpflichtung immer jüngerer Spieler ist auch das Zocken auf den nächsten Weltstar. Wirkt das nicht blockierend?”

Sammer: “Im Gegenteil. Das ist eine Nische, die Du besetzen kannst.”

SID: “Wenn Sie junge Spieler betreuen: Inwiefern werden diese darauf vorbereitet, dass es auch nicht klappen kann?”

Sammer: “Es können viele Einflussfaktoren kommen, bis hin zum Super-GAU Verletzung oder Krankheit. Es gibt keine Garantie. Es ist nur ehrlich, die jungen Leute auch auf das Leben vorzubereiten – nicht nur auf den Fußball.”

Sammers Einschätzung zu Moukoko

SID: “Youssoufa Moukoko aus der BVB-Jugend gilt als frühreifes Supertalent. Ist er jemand, von dem Sie sagen: Sowas habe ich noch nie gesehen?”

Sammer: “Der Junge kann nichts dafür, dass er so gut ist. Dass wir so viel über ihn reden, zeigt aber, dass wir früher mehr Talente hatten, die außergewöhnlich waren. Was ihm gelungen ist, knapp 50 Tore in der B-Junioren-Bundesliga, das war früher bei den Topleuten Normalität! Darüber müssen wir nachdenken.”

SID: “Gibt es Talente, bei denen für Sie außer Frage steht: Das wird ein Großer?”

Sammer: “Die Komplexität der Beurteilung lässt einen mutig sein in der Prognose. Aber wir reden ja nicht über die sieben, denen es keiner zugetraut hat – die es aber geschafft haben! Wir suchen immer die Stecknadel im Heuhaufen. Das ist unnötig.”

SID: “Der BVB hat sich eine offensivere Kommunikation verordnet. Tragen Sie als Berater das mit oder hatten Sie gar Einfluss darauf?”

Sammer: “Meine Aufgabe ist, Diskussionen zu befruchten und auch bewusst antizyklisch zu denken. Die Strategie haben wir diskutiert. Aber die Entscheidungen treffen die Verantwortlichen. Ich finde es nicht so schlecht: Guter Dinge zu sein, ohne Ziele zu haben, macht auch überhaupt keinen Sinn.”

Sammer: BVB muss auf sich selbst schauen

SID: “Ist BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zum Schluss gekommen, die Lücke zu Bayern München schließen zu können?”

Sammer: “Wenn du selbst Erster werden willst, musst du auf den anderen niemals schauen. Aber es klingt eben auch für die Medien besser, als wenn du sagst: ‘Wir gehen sowieso unseren eigenen Weg.’ Der Klub will sich entwickeln, stabilisieren, er ist hungrig auf Erfolg und Titel.”

SID: “Welchen Anspruch transportiert die öffentlich gut beurteilte Transferpolitik?”

Sammer: “Ich bin bei Uli Hoeneß, der gesagt hat: Alles, was der BVB gemacht hat, muss sich ja erst mal beweisen. Wer das sagt, weiß, wie Fußball funktioniert. Es ist die Wahrheit! Wenn alles, was jetzt schön ausschaut, nicht funktioniert, sind die, die das nach oben geschossen haben, die ersten, die persönlich beleidigt sind. Nicht die Öffentlichkeit macht dich zum Meister, sondern die Leistung.” 

SID: “Beim FC Bayern scheint es in Sachen Transfers zu haken. Wie blicken Sie auf Ihren früheren Arbeitgeber?”

Sammer: “Was diskutiert und kommentiert wird, ist abenteuerlich. Manchmal war der Verein etwas früher dran, manchmal hat er gewartet. Der Markt ist überhitzt. Man muss im Leben auch mal warten können. Ich glaube, dass sie warten.”

Sammer über sein Aus bei Eurosport

SID: “Sie haben als Eurosport-Experte aufgehört. War das eine Befreiung?”

Sammer: “Ja. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Es ist logisch: Wenn ich das Gefühl nicht gehabt hätte, dass es mich ein Stück befreit, wäre es der falsche Schritt gewesen. Aber das war er nicht.”

SID: “Sie haben 250 Tage Aufwand im Jahr genannt.”

Sammer: “Sie haben ein, zwei Tage Anreise, 34 Spiele. Zwei Gegner, die mit zwei, eher drei Tagen betrachtet werden. Dann habe ich die Szenen selbst rausgesucht und noch ein Meinungsformat gemacht.”

SID: “Haben Sie die Belastung körperlich gemerkt? Mental?”

Sammer: “Schwer zu sagen. Es kam die Erkenntnis, dass ich das nicht mehr möchte, mich befreien wollte. Die Zeit bei Eurosport war fantastisch, das ganze Team überragend. Doch es kam das Gefühl, dass körperlich-geistig der Zeitpunkt war, dass ich aufhören möchte.”

SID: “Haben Sie einen Hang zum Hyper-Perfektionismus? Dazu, Dinge bis zur Besessenheit zu treiben?”

Sammer: “Leider! Leider zu groß, glaube ich. Da ist das Beste gerade gut genug. Dadurch werde ich immer darauf achten müssen, mich so zu organisieren, dass alles auch lösbar ist.”

Sammer über seine Zukunft

SID: “Wo soll Ihr Weg hinführen?”

Sammer: “Der Fußball bleibt. Oft wird mich mein Weg nach Mallorca führen, Borussia Dortmund bleibt ein Bestandteil. Es gibt andere Aufgaben. Ich glaube, ich bin in der Lage, das zu leisten. Und wenn ich es nicht mehr glaube, verändere ich mich da auch.”

SID: “Sie wollen sich einen Teil Ihres Lebens freihalten?”

Sammer: “Ja. Ich will Themen mit viel höherer Intensität wahrnehmen. Die Gespräche mit den Kindern, die fast keine Kinder mehr sind. Mit Aufmerksamkeit und Nachhaltigkeit leben. Das ist, worauf ich mich schon länger gefreut habe. Die Kinder werden groß, das Leben mit meiner Frau nimmt andere Konturen an. Das will ich unbedingt in Gänze und nicht nebenbei erleben.”

Das Interview führten Thomas Nowag und Jens Diestelkamp

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.