Marcus Sorg – der Mann, der Bundestrainer Löw ersetzt

Auf allzu grelles Rampenlicht reagiert Marcus Sorg mit Unbehagen. “Ich komme aus Baden-Württemberg, da sind die Menschen ein wenig reservierter”, sagte er einmal über sich: “Ich brauche keinen Prominentenstatus.” Doch in den kommenden Tagen werden ihm die Scheinwerfer auf den TV-Kameras direkt ins Gesicht strahlen – wenn Marcus Sorg vom Co-Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorübergehend zum Chef aufrückt.

Plötzlich Bundestrainer: Das ist durchaus eine kuriose Geschichte, die so in seiner Karriereplanung nicht vorgesehen war. Als es bei den Stuttgarter Kickers, in Ditzingen und Ulm nicht so recht vorangegangen war, arbeitete der studierte Grundlagen- und Bauphysiker einige Jahre lang in einem Ingenieurbüro. 

Er wollte den Bundestrainer-Job nicht

Doch es rumorte in ihm. “Ich wollte zwar nie Bundestrainer werden”, sagt der 53-Jährige über diese Zeit, aber das Ziel sei stets gewesen, sich mehr mit der Statik von Fußball-Mannschaften als jener von Gebäuden zu beschäftigen. Das gelang ihm ab 2008 beim SC Freiburg, wo er sich vom Scout und Jugendtrainer zum Chef der Reserve hochdiente und schließlich das Bundesliga-Team übernahm – mit dem er scheiterte. Mit dem Titel bei der U19-EM 2014 empfahl er sich zunächst für den Job des U21-Nationaltrainers, 2016 sollte er Horst Hrubesch beerben. Dann aber machte ihn Löw zum Co-Trainer (seit 2016, seit 2018 alleinig).

Die Umgewöhnung nun wird nicht schwierig, zumindest für die Zuschauer. Sorg ist zwar kein waschechter Badner wie Löw, sondern Schwabe aus Ulm, doch die Dialekte ähneln sich. Und: “Die Kleidung wird vom Ausrüster gestellt und somit fast vorgegeben. Wir tragen alle das gleiche Outfit, da für uns klar ist, dass wir einheitlich auftreten”, sagt Sorg.

Pflichtsiege im Sommer erwartet

Auch eine neue Spielphilosophie ist kaum zu erwarten. Löw wird Sorg die Strategie für die zwei erhofften Pflichtsiege gegen Weißrussland (8. Juni in Borissow) und Estland (11. Juni in Mainz) an die Hand geben. Der Bundestrainer sei schließlich “einer der weltbesten Trainer. Mit und unter ihm zu arbeiten, ist beeindruckend und bereichernd zugleich. Er pflegt einen sehr partnerschaftlichen Umgang und überträgt ungemein viel Verantwortung.” Diesmal ist es, wenn auch unfreiwillig, die größtmögliche.

Weil Sorg zumeist die erste Hälfte aus Tribünenposition beobachtet und dann zur Halbzeit Löw über seine Erkenntnisse informiert, wurde er auch schon “Löw-Flüsterer” genannt. Nun ist es umgekehrt: Löw wird der Sorg-Flüsterer sein. “Ich bin in ständigem Austausch mit meinem Trainerteam, und wir werden auch rund um die beiden Länderspiele in engem telefonischen Kontakt bleiben”, kündigte der Chef an.

Sein “Co” weiß, was ihn überdies erwartet. Pressekonferenzen, Live-Interviews im Fernsehen, drängelnde Fotografen. Kurz: Rampenlicht. “Wenn man mit der deutschen Nationalmannschaft unterwegs ist, dann ist die mediale Aufmerksamkeit enorm”, sagt Marcus Sorg. Er wird sich für zwei Wochen daran gewöhnen müssen.

Foto: Imago Images / Defodi