Toni Kroos als Kinofilm – es lohnt sich

Man konnte nicht erwarten, dass Spiegel Online behutsam mit dem Film “Kroos” von und über Toni Kroos umgeht. “Auf der Leinwand erfährt man als Zuschauer mehr über die Branche als über den Menschen”, argwöhnte der Kritiker und widerlegte mit seiner Beschreibung von Filmszenen anschließend die eigene Schlussfolgerung. 

Er schreibt: “So erscheint Toni Kroos, der aktuell wohl prominenteste deutsche Fußballer: ein treusorgender Vater, ein Familienmensch, einer, der absolut kein Bling-Bling braucht und seiner Frau als Ständchen ein Lied der Gruppe Pur singt. Er putzt sogar seine Fußballschuhe noch selbst.” Persönlicher kann’s ja kaum werden.

Wie viele Zuschauer zieht Toni Kroos in die Kinos?

Die Frage ist eher: Zieht so viel Bodenständigkeit genügend Zuschauer in die Kinos? Toni Kroos, Weltmeister von 2014 und als Spieler des FC Bayern und von Real Madrid viermal Champions-League-Sieger, trommelt bei RTL (“Stern-TV”) und im ZDF (“Markus Lanz”) zwar fleißig für die Dokumentation über seine Profikarriere. Eine Erfolgsgarantie ist das aber nicht.

So liegt vor dem Kinostart am 4. Juli eine Ungewissenheit in der Luft, wie das Publikum reagiert. Beim Auftakt in Köln kann nichts schiefgehen: Für Sonntagnachmittag bat Toni Kroos vorab Familie und Freunde zur “Weltpremiere”, wie es in der Einladung hieß, alle waren handverlesen. 113 Minuten dauert das Werk von Filmemacher Manfred Oldenburg.

Toni Kroos Leben von Profi verfilmt

Der Regisseur hat bereits Sporthelden wie die Klitschko-Brüder und Dirk Nowitzki verfilmt. Aber die jüngste Aufgabe schien besonders schwierig. Schon die Spielweise von Toni Kroos auf dem Rasen mutet so wenig spektakulär an, dass es fünf Jahre brauchte, bis die Fachjournalisten seinen Wert erkannten und ihn 2018 zum Fußballer des Jahres wählten.

Genau darum geht es bei diesem Film: Dass die Fußball-Liebhaber in der Heimat seinen Aufstieg vom Bolzplatz in Greifswald zum Bernabeu-Stadion in Madrid zu schätzen lernen. Talent ist das eine. Harte Arbeit, auch im Management, das andere. Hinter Kroos steht die Agentur von Deutschlands wichtigstem Spielerberater Volker Struth in Köln.

Fussballspieler Toni Kroos, mit Frau Jessica und den Kindern Leon und Amelie kommt am 30.06.2019 in Kˆln zur Premiere des Films Kroos , eine zweist¸ndigen Dokumentation ¸ber die Karriere des Fussballspielers Toni Kroos die am 04.Juli in die Kinos kommt. *** Soccer player Toni Kroos, with his wife Jessica and the children Leon and Amelie will be in Cologne on 30 06 2019 for the premiere of the film Kroos, a two-hour documentary about the career of soccer player Toni Kroos which will be released in cinemas on 04 July.
Toni Kroos mit Frau Jessica und den Kindern Leon und Amelie. Foto: Imago Images / Galuschka

Als Laie staunt man während des Films ganz sicher über die Irrwege, Sackgassen und mangelhafte Beschilderung, die so ein Weg zum Gipfel offenbart. Hinterher gilt der Platz an der Sonne als unverfehlbar. Die im Film ausgestrahlten Aussagen aus der Familie und von Vereinsgöttern wie Uli Hoeneß vermitteln einen Eindruck, wie steinig der Aufstieg sein kann.

“Schickimicki war nichts für ihn”, sagt an einer Stelle die Mutter und liefert die Erklärung, warum ihr Sohn Toni zwar mit dem FC Bayern 2013 das Triple gewann, dann aber später aus München Richtung Madrid floh. Insofern hat der Kritiker von Spiegel Online doch zur Hälfte recht: Der Film verrät auch Erstaunliches über diese verrückte Fußballbranche.

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Mit 120 Millionen! Ex-Wunderkind peppt die graue Hertha auf

Niemand kann voraussagen, wie ernst Lars Windhorst sein Engagement bei Hertha BSC nimmt. Zu oft hat die Bundesliga Raubritter erlebt, die mit Getöse beim Klub ihres Herzens einmarschierten und mit geknickter Rose am Revers wieder wegschlichen. Was man bisher weiß: 125 Mio. Euro steckt das frühere Wunderkind der deutschen Wirtschaft in den Hauptstadtklub. Ein weiteres Millionenpaket  könnte folgen, wenn Windhorst seinen Anteil von 37,5 auf 49,9 Prozent aufstocken sollte.

Der Spiegel, der die Story gestern veröffentlicht hat, schreibt von einem der “größten Deals der Bundesliga-Geschichte”. Für dieses Urteil müsste man die strategischen Partnerschaften beim FC Bayern oder den Börsengang des BVB ignorieren. 

Hertha BSC: Frischzellenkur durch Finanzspritze

Aber das ist auch nicht so wichtig. Fest steht jedenfalls: Die Finanzspritze des Investors wirkt bei der ergrauten Hertha wie eine Frischzellenkur. Plötzlich kann sich der Verein Spieler leisten, die vorher unerreichbar schienen, und eine attraktivere Spielweise ankündigen.

Präsident Werner Gegenbauer mit Manager Michael Preetz. Die Parole hinter ihnen ist Programm. Foto: Imago Images / König

Das Timing könnte nicht besser sein. Mit seinem ersten Aufstieg in die Bundesliga hat der Stadtrivale Union Berlin gerade eine Leidenschaft für den Fußball entwickelt, die Hertha BSC in ihrer überdimensionierten und kalten Stadionschüssel zu verlieren drohte. Investor Windhorst hält jetzt das Schlagwort “Big City Club” entgegen und verspricht damit Großes. Plakative Parolen aber provozieren naturgemäß Abwehrkräfte im eigenen Anhang, der die Gemengelage gerne etwas übersichtlicher gestaltet haben will.

Man könnte tatsächlich in die Versuchung geraten und die neue Allianz zwischen Verein und Geldgeber als erneute Wiederbelebung auf Zeit einstufen. Es ist ja nicht lange her, dass Hertha Geld von Heuschrecken wollte und nicht vom Fleck kam. So ein Hauptstadtverein ist halt verlockend für Leute mit Geld und gilt wie so viele andere Vereine, die nicht in der Provinz angesiedelt sind, als schlafender Riese. Man kann es auch nicht anders sagen: Hertha müsste ein nationales Anliegen sein.

Deutschland fehlt ein großer Hauptstadtklub

Spanien, England, Frankreich und mit Abstrichen Italien haben bedeutende Fußballklubs in ihren Hauptstädten. Nur Deutschland nicht. Hertha blieb unter seinem umtriebigen Manager Michael Preetz wie unter dessen Vorgänger Dieter Hoeneß klein. 

Was das neue Projekt mit Lars Windhorst von einem kläglichen wie bei 1860 München unterscheidet, sind zwei Dinge. Erstens: Die Hertha-Führung unter Präsident Gegenbauer geht sorgsam mit der 50+1-Regelung um, wonach der Verein immer die Mehrheit behauptet.

“Wir wollen Geld verdienen”

Man hätte in der Konstellation, wie sie Hertha aufweist, mehr als die Hälfte an der getrennten Profi-Abteilung verhökern können und dürfen. Das aber hätte ohne Not einen empfindlichen Nerv in der ohnehin gestressten Anhängerschaft getroffen. Zweitens beweist Hertha damit eine Ehrlichkeit. Windhorst heuchelt nicht kühne-haftig falsche Vereinsliebe vor, sondern sagt unumwunden: “Wir wollen Geld verdienen. Das muss bei all unseren Investitionsentscheidungen der Hauptgrund sein.”

Da weiß man wenigstens, woran man ist, und kann von den Vereinsbossen erwarten, dass sie auf die Unwägbarkeiten, die ihrem Investor in einer Bundesliga-Saison Spieltag für Spieltag begegnen, vorbereitet sind. So viel Vertrauen hat die Hertha-Vereinsführung verdient.

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Wer hat mehr Fußballfans in Deutschland?

Das überraschende Resultat zweier Fan-Umfragen hat bei Twitter ganz schön Wind gemacht. In beiden Erhebungen belegte RB Leipzig den dritten Platz hinter Bayern München und Borussia Dortmund. Ausgerechnet der Verein also, der in Auswärtsstadien so gerne angefeindet wird. Nielsen Sports ermittelte, dass RB Leipzig zwei Millionen Fans in Deutschland hat, YouGov, dass der Fan-Anteil 3,2 Prozent beträgt. Für Fans von Traditionsvereinen ist das Ergebnis schwer erträglich.

Hassan Talib Haji, Schalke-Legende auf Twitter, stellte die Glaubwürdigkeit der Fan-Umfragen grundsätzlich infrage. Unter dem Beifall der Community verwies er auf den Menschenverstand, der harten Bewertungskriterien eine höhere Bedeutung beimesse: Anzahl der Fanclubs, Stadionauslastung, Zahl der verkauften Tickets bei Auswärtsspielen, die Follower-Zahl in den Sozialen Netzwerken. Seine Argumentation war durchaus schlüssig und keinesfalls von Vorbehalten gegenüber RB Leipzig als Konstrukt geprägt.

Fans von RB Leipzig
Fans von RB Leipzig. Foto: Imago Images

Am Ende verknappte sich die Diskussion auf zwei Kernfragen. Die erste: Profitiert RB Leipzig womöglich vom Wir-Gefühl im Osten, dass eine Mannschaft aus den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern die erste Liga aufrollt? (Man erinnere sich an ein ähnliches Phänomen, als Hansa Rostock in der Bundesliga spielte: Die Ostalgie überwand sogar Rivalitäten zwischen den ehemaligen DDR-Oberligisten.) Die zweite Kernfrage folgt daraus: Wann ist ein Fan ein Fan und nicht nur Sympathisant?

Die zweite Frage ist tiefgreifender, als man zunächst meint, und beschäftigt die Bundesliga schon seit ein paar Jährchen. Ist nur derjenige ein Fan, der in der Kurve oder auf der Tribüne Liedgut anstimmt, Mühsal und Zeit für atemberaubende Choreografien opfert und das Familienleben zugunsten von Auswärtsspielen vernachlässigt? Oder auch derjenige, der zu Hause am Fernsehgerät mitfiebert oder ein hübsches Sümmchen für den Sitzplatz auf der Haupttribüne oder auf den Geraden im Stadion ausgibt?

Existenzielle Fragen der Bundesliga

Diese Fragen sind existenziell für die Bundesliga. Denn schnell kommt man zu dem Punkt, dass es “die Fans” als homogene Gruppe gar nicht gibt und die Diskussion, was als störend im Profifußball empfunden wird, zu oft von der Lautstärke einiger Fangruppierungen abhängt und nicht von einer Mehrheit im Stadion. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) meldete den zweithöchsten Ticket-Absatz der Bundesliga-Geschichte. So schlecht kann demnach nicht sein, was in der Bundesliga passiert. Auch nicht in Leipzig.

Vielleicht liegt das Missverständnis darin, dass die Bundesliga nicht als Einheit in der Vielfalt verstanden wird. Es gibt keinen logisch belegbaren Grund, warum jeder Verein Spuren von Turnvater Jahn nachweisen muss. Es sollte doch eher darum gehen, ansehnlichen Fußball zu bieten, einen, der einerseits die Nachwuchsarbeit zu schätzen weiß und andererseits dem internationalen Vergleich standhält. RB Leipzig scheint da keine miese Arbeit zu machen. Schalke hofft jetzt auf den zweiten RB-Mann aus Leipzig.

Wer hat die meisten Fans in der Bundesliga?

Bleibt die Frage: Welche Vereine haben die meisten Fans? Ein verbindliches Ergebnis ist aus den Umfragen, wenn man die Fragestellung etwas genauer betrachtet, nur bedingt zu erwarten. Frei nach Churchill: „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“, habe ich drüben im Fever Pit’ch Newsroom meine eigene Fan-Umfrage gestartet und ermittle gemäß dem Highlander-Prinzip: Was ist dein Lieblingsklub? Das Ergebnis, ganz sicher, wird unangreifbar sein. Zumindest für den Moment.

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Der FC Bayern darf Ousmane Dembélé nicht holen!

Zugegeben, Ousmane Dembélé ist ein begnadeter Fußballer. Der Franzose wäre beim FC Bayern eine Verstärkung. Nur das sollte zählen, wenn ein Verein wie der deutsche Rekordmeister seinen Kader verjüngt und Franck Ribery gleichwertig ersetzen will. Trotzdem wäre der Dembélé-Transfer vom FC Barcelona zum FC Bayern aus fünf Gründen falsch.

Erstens: Nachweislich hat Ousmane Dembélé einen schlechten Charakter. Ein Spieler, der seinen Verein erpresst, wie es Dembélé 2017 bei Borussia Dortmund tat, um seine Freigabe zu erzwingen, ist nichts anderes als ein Söldner.

Zweitens: In den zwei Jahren beim FC Barcelona blieb Ousmane Dembélé den Nachweis schuldig, dass er die Ablöse von 125 Mio. Euro plus Zuschlag tatsächlich wert ist. Es lag nicht allein an seiner schweren Verletzung. Auch danach fiel seine Disziplinlosigkeit auf.

Drittens: Die Disziplinlosigkeit kannte man aus BVB-Zeiten. Eine unsportliche Lebensführung aber darf man einem hochbezahlten Fußballprofi, auch wenn er erst 22 ist, nicht durchgehen lassen. Schludrigkeit drückt nur seine Respektlosigkeit aus.

Viertens: Ginge Bayern mit einem rekordverdächtigen Transfer trotzdem über alle Bedenken hinweg, wäre das falsche Signal gesetzt: Man würde Ousmane Dembélé und dessen Berater noch dafür belohnen, dass er seine versprochene Leistung beim FC Barcelona nicht gezeigt hat.

Fünftens: Bayern würde sich selbst untreu werden und lächerlich machen. Noch vor zwei Jahren wetterten die Bayern-Bosse, Dembélé wäre bei ihnen richtig bestraft worden. “Mit 100.000 Euro Strafe pro Tag”, stichelte Präsident Uli Hoeneß gegen Borussia Dortmund.

Ousmane Dembélé im Trikot des FC Bayern. Foto: Imago Images / VI

Die Bundesliga braucht ganz sicher keinen Profi, der Gier zur Maxime erhebt, Klubbosse zu Narren macht und sein Talent verschleudert. Der Preis, den Bayern München mit seiner Verpflichtung zahlte, wäre ganz einfach zu hoch.

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Bayern-Transfers: Uli Hoeneß bloß nicht unterschätzen

Es fällt in diesen Tagen nicht besonders schwer, Uli Hoeneß Doppelzüngigkeit vorzuwerfen. Noch Ende Februar hatte er im Sport1-Doppelpass gesagt: „Wenn Sie wüssten, wen wir schon alles sicher haben für die neue Saison.” Jetzt widert ihn die Diskussion um Verstärkungen an: “Ich muss ehrlich sagen, langsam geht mir das auf die Nerven, dass man sich nur noch über Käufe definiert.” Die Geister, die ich rief…

Ganz gerecht ist der Vorwurf trotzdem nicht. Denn anders als bei den meisten anderen Vereinen hat Bayern München längst einschneidende Personalmaßnahmen getroffen. Die Stammspieler Arjen Robben, Franck Ribery und zuletzt Weltmeister Mats Hummels: inzwischen weg. Für 120 Mio. Euro geholt: die Weltmeister Lucas Hernandez und Benjamin Pavard sowie den einstigen HSV-Wunschkandidaten Fiete Arp und davor im Winter Alphonso Davies aus Kanada.

Ist das viel? Nicht, wenn man aus der Hoeneß-Ankündigung im Februar Spektakuläres ableiten wollte. Und doch, wenn man die Dinge kaufmännisch betrachtet. 120 Millionen Euro bedeuten ein enormes Investment. Das Risiko ist beträchtlich. Niemand kann Bayern München garantieren, dass Hernandez für seine Ablöse die Abwehrsicherheit bringt wie Virgil Van Dijk beim FC Liverpool. Der Franzose wird immer noch am Knie therapiert.

Die Unsicherheit im Bayern-Lager rührt daher, dass Borussia Dortmund so mutig in neue Spieler klotzt wie seit 25 Jahren nicht mehr. Damals gewann der BVB zwei Meisterschaften in Folge und zur Krönung im dritten Jahr die Champions League. Nur von dieser Seite ist die Genervtheit von Präsident Uli Hoeneß zu begreifen: Zum ersten Mal seit langem bestimmt nicht er das Geschehen auf dem Transfermarkt, sondern der Verfolger. Er muss sich gehetzt fühlen.

Meister! Uli Hoeneß beim Basketball
Meister! Uli Hoeneß beim Basketball. Neben ihm: sein Bruder Dieter. Alle Fotos: Imago Images / Sven Simon

Die Öffentlichkeit verlangt endlich Klarheit, was mit dem erhofften Transfer von Leroy Sané ist. Oder mit dem erwarteten Transfer von Timo Werner. Beide Nationalspieler, Männer der Zukunft, würden dem Bayern-Angriff eine Wucht geben, wie es Borussia Dortmund eben mit Julian Brandt, Thorgan Hazard und Nico Schulz geschafft hat. An Geld werden die Bayern-Zugänge nicht scheitern.

Darin liegt die Chance des BVB: Wer notgedrungen Entscheidungen trifft, macht nicht selten Fehler. Dortmund hat vorgesorgt. Die Bayern aber müssen im Sturm noch was tun. Es sollte niemanden verwundern, wenn Bayern München in den nächsten Tagen oder Wochen Personalentscheidungen veröffentlicht, um die drängelnde Öffentlichkeit eines Besseren zu belehren. Erst dann sollte man sein endgültiges Urteil über die neuen Bayern fällen. Unterschätzt bloß Uli Hoeneß nicht.