4:0 gegen Barça: Klopp-Wunder in der Champions League

Jürgen Klopp beim FC Liverpool. Foto: Imago Images / Defodi

Wahnsinn im Tollhaus Anfield Road: Teammanager Jürgen Klopp hat dank der Doppel-Torschützen Georginio Wijnaldum und Divock Origi mit dem FC Liverpool ein Fußball-Wunder geschafft und ist nach einer unglaublichen Energieleistung zum zweiten Mal in Folge ins Finale der Champions League eingezogen. Der 18-malige englische Meister setzte sich im Halbfinal-Rückspiel vor eigenem Publikum mit 4:0 (1:0) gegen den FC Barcelona um Superstar Lionel Messi und Nationaltorwart Marc-Andre ter Stegen durch, der nach dem 3:0 im Hinspiel als klarer Favorit auf die Insel gereist war.

Origi sowie der zur Halbzeit eingewechselte Niederländer Georginio Wijnaldum sorgten dafür, dass Liverpool zum vierten Mal ins Endspiel der Königsklasse einzog und weiter vom zweiten Champions-League-Titel nach 2005 träumen darf. Für Klopp ist es das dritte Endspiel im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt.

“Das kann man nur schwer in Worte fassen, das war ein unglaublicher Abend. Von meinen Toren werde ich ein Leben lang träumen”, sagte ein überglücklicher Matchwinner Origi bei Sky, nachdem er zuvor in den Armen von Klopp gelegen und zur legendären Hymne “You’ll never walk alone” mit den Fans die Sensation gefeiert hatte.

Theoretisch kann Liverpool auch noch das megaspannende Meisterrennen der Premier League mit Titelverteidiger Manchester City am Sonntag für sich entscheiden. Den nationalen Titel kann das Klopp-Team allerdings nicht mehr aus eigener Kraft holen. Liverpool trifft im Finale der Königsklasse am 1. Juni im Estadio Metropolitano in Madrid auf Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur. Ajax hatte das Hinspiel in London 1:0 gewonnen und ist damit im Rückspiel am Mittwoch in Amsterdam im Vorteil.

Vor 55.212 Zuschauern im ausverkauften Hexenkessel Anfield Road versuchten die Hausherren auch ohne ihre verletzten Ausnahmestürmer Mohamed Salah und Roberto Firmino von Beginn an, das Unmögliche möglich zu machen. Der ehemalige Wolfsburger Origi, der Salah ersetzte, und der frühere Bayern-Profi Xherdan Shaqiri stürmten an der Seite von Sadio Mane und setzten die Katalanen früh unter Druck.

Nachdem ter Stegen den Ball nach einem Schuss von Liverpools Kapitän Jordan Henderson nur unzureichend hatte abwehren können, war Origi zur Stelle und erzielte seinen ersten Champions-League-Treffer der Saison. Beflügelt von der Führung und dem fantastischen Publikum blieb Liverpool im Vollgas-Modus und schnürte Barcelona in der ersten Viertelstunde am eigenen Strafraum ein.

Messi, im Hinspiel zweifacher Torschütze der Spanier, gab nach einer Viertelstunde den ersten Warnschuss der Gäste ab, die sich nach und nach aus der Umklammerung befreiten und bei Kontern vor allem durch ihren Kapitän brandgefährlich waren. In der 19. Minute verhinderte LFC-Keeper Alisson gegen Messi Schlimmeres. Auf der Gegenseite rettete ter Stegen (24.) gegen den starken Andrew Robertson.

Nach der Pause erhöhte Liverpool das Risiko, wurde dadurch aber bei Kontern noch anfälliger. Barcelona blieb durch Messi und Luis Suarez jederzeit gefährlich. Nachdem ter Stegen zunächst gegen Virgil van Dijk (51.) retten konnte, machte er beim 0:2 durch den eingewechselten Wijnaldum, der nach der Pause für den angeschlagenen Robertson ins Spiel gekommen war, keine gute Figur. Nur 120 Sekunden später verwandelte der Niederländer mit seinem zweiten Champions-League-Treffer in dieser Saison die Arena in ein Tollhaus, ehe Origi die Sensation perfekt machte.

Dabei profitierten die Reds von einer unglaublichen Schläfrigkeit der Gäste. Liverpools Trent Alexander-Arnold brachte blitzschnell eine Ecke in den Strafraum, Origi war zur Stelle und Barcelona k.o. Für die Katalanen war es das zweite Waterloo nach 2018, als man im Viertelfinale nach einem 4:1-Heimsieg bei AS Rom 0:3 verlor und ebenfalls ausschied.

1. FC Köln: Aufstieg perfekt – aber die Sorgen bleiben

Timo Horn vom 1. FC Köln. Foto: Imago Images / MaBoSport

Wo und wie Markus Anfang die letzte Aufstiegsetappe des 1. FC Köln erlebt hat, ist nicht überliefert. Der Ex-Trainer dürfte die Entwicklungen in seiner Geburtsstadt mitsamt der Rückkehr in die Bundesliga, die nach einem 4:0-Sieg bei Greuther Fürth am Montagabend dann doch frühzeitig perfekt war, aber mit einer Mischung aus Sarkasmus und Frustration verfolgt haben. 

59 Punkte hatte der FC unter ihm bis zu dessen Entlassung am 27. April geholt, und auch die hätten am Saisonende zum Aufstieg gereicht. Anfangs Ende – die sinnloseste Entlassung im deutschen Profifußball also? Keineswegs, hatte Armin Veh in der vergangenen Woche klargestellt. “Unser Saisonziel ist noch gefährdet”, sagte der Sportchef bei der Präsentation von Anfangs Nachfolger Andre Pawlak: “Wir müssen noch Punkte holen.” Hätten sie nicht gemusst – dank des Schneckenrennens der Konkurrenz.

Der angesprochene Pawlak, der intern einen exzellenten Ruf besitzt und mit der Kölner Reserve in der Regionalliga West zuletzt von Erfolg zu Erfolg geeilt war, sieht sich derweil nicht nur als Übergangslösung des Aufsteigers – er traut sich durchaus auch die Rolle des Cheftrainers in der Bundesliga zu. “Das kann ich mir sicher vorstellen”, sagte der 48-Jährige mit Blick auf die kommende Saison, in der die Kölner ganz andere Aufgaben als noch in der 2. Bundesliga zu lösen haben.

Denn der Kölner Kader ist dann nicht mehr deutlich überlegen. Für den FC wird es nach dem sechsten Aufstieg wieder mehr auf die Defensive und eine gute Balance ankommen. Während sich Köln mit seiner Offensive mit Anthony Modeste, Simon Terodde und Jhon Cordoba in der Bundesliga nicht verstecken muss, bereitet die Abwehr Sorgen.

Wenn schon in der 2. Liga über 40 Gegentreffer zu Buche stehen – was soll erst passieren, wenn die Gegner Bayern München, Borussia Dortmund oder RB Leipzig heißen und die eigenen Stürmer nicht mehr so oft den Unterschied machen können?

Zudem herrschte zuletzt zwischen der Mannschaft und den Fans eine angespannte Atmosphäre, Aufstiegseuphorie wollte sich vor dem Fürth-Spiel nicht einstellen. Für den Anhang stand die Rückkehr ins deutsche Oberhaus schon vor der Saison fest, sie diskutieren lieber Personalfragen. Seit vergangener Woche auch die des neuen Trainers.

In dieser Debatte kreisen einige prominente Namen ums Geißbockheim. Der zwischenzeitlich gehandelte Bruno Labbadia, der mit dem VfL Wolfsburg zwar eine starke Bundesliga-Saison spielt, aber dennoch gehen wird, ist laut Kölner Medien keine Option. Dieter Hecking, derzeit noch beim Kölner Erzrivalen Borussia Mönchengladbach, wird hingegen genannt. Oder eben Pawlak, der nur drei Spiele Zeit hat, um seine Tauglichkeit nachzuweisen. 

Ironischerweise war der FC schon am Wochenende ohne eigenes Dazutun so gut wie aufgestiegen, weil die Verfolger SC Paderborn, Union Berlin und Hamburger SV allesamt verloren und die Tordifferenz pro Köln sprach. Doch anstatt sich auf die Schulter zu klopfen, betrachten die Kölner ihre Leistungen durchaus selbstkritisch. Eine “außergewöhnliche Saison” hätte das Team wahrlich nicht gespielt, gab Jonas Hector im Sky-Gespräch zu – und sprach dem leidgeplagten Kölner Anhang wohl aus der Seele.

Was Bayern München Borussia Dortmund voraushat

Torchance von Thomas Müller gegen Nürnberg. Foto: Imago Images / Sven Simon

Die Bayern-Bosse werden Franz Beckenbauers Spott als gutes Zeichen zu werten wissen. Als ihr ehemaliger Präsident in der Saison 2000/01 Stefan Effenberg und dessen Mitspielern provokant die Spielweise der Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft unterstellte (damals nach einem 0:3 bei Olympique Lyon), gewann der FC Bayern hinterher die Champions League.

Jetzt donnerte der Kaiser erneut: Tempo und Kampfgeist beim FC Bayern, verglichen mit der Königsklasse: alles Altherren-Fußball. „Wenn ich sehe, wie in der Champions Leagueoder in der EuropaLeague gefightet wird, dann meint man bei den Bayern manchmal, die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zu sehen”, sagte Franz Beckenbauer wörtlich.

Tonfall und Zeitpunkt sind trotzdem überraschend. Der FC Bayern spielt nicht nur eine der besten Rückrunden seiner Vereinsgeschichte und wandelte neun Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund in vier Punkte Vorsprung um. Dem Tabellenführer reicht am Samstag ein Auswärtssieg bei RB Leipzig, um vorzeitig die 29. Deutsche Meisterschaft zu gewinnen.

Aber so ist das bei den Bayern: Nicht einmal das Beste ist ihnen gut genug. Sie warfen schon Trainer raus, die auf Platz zwei lagen, und sogar einen, der erstmals zwei Double-Erfolge in Folge vollbracht hatte. Womöglich gewinnt Trainer Niko Kovac in seinem ersten Bayern-Jahr ebenfalls die Kombi aus Meisterschaft und Pokalsieg. Eine Jobgarantie kann er daraus nicht ableiten.

Die Brutalität im Anspruchsdenken mag befremdlich klingen. Dahinter steckt das Geheimnis des Rekordmeisters. Niemals zufrieden sein, niemals nachlassen: Was zunächst banal klingt, fehlt bei den meisten Klubs in der DNA. Siehe Schalke 04: Irgendwie Vizemeister geworden – danach passierte vor lauter Selbstbeweihräucherung der Absturz in den Tabellenkeller.

Hier kommt Borussia Dortmund ins Spiel. Zunächst sei festgestellt: Die Ausbeute von mindestens 70 Punkten kann sich sehen lassen. (Zum Vergleich: Die Schalker holten bei ihrer Vizemeisterschaft im Jahr zuvor nur 63 Punkte). Trainer Lucien Favre hat die Mannschaft von Platz vier auf zwei geführt. Dennoch hat jeder das Gefühl: Da war mehr drin.

Es kostete die BVB-Bosse aber ein Höchstmaß an Überwindung, nach der fabelhaften Hinrunde das Saisonziel Meisterschaft überhaupt öffentlich auszurufen. Den Ball schön flach halten: Das ist eine beliebte Lebenseinstellung im Ruhrgebiet. Unglücklicherweise verschafft falsche Bescheidenheit fast jeder Profimannschaft ein Alibi.

Ein bisschen ist es wie in der Schule. Wenn eine Zwei reicht, strengt man sich weniger an, als wenn der Zwang zur Eins allgegenwärtig ist. Vernachlässigten Lernstoff kann man hinterher nur schwerlich nachholen. So war das in der Rückrunde bei Borussia Dortmund. Jeder Anfängerfehler wurde als Malheur abgetan. Wattebausch-Trainer aber holen keine Meisterschaften.

Die Bayern kennen das anders. Als ihnen im Herbst ein 3:3 gegen Düsseldorf unterlief, das Zwischentief mit Platz fünf, stand plötzlich alles infrage, was zu Saisonstart noch super schien. Der Trainer eingeschlossen. Der permanente Leistungsdruck, öffentlich zur Schau gestellt, kann unangemessen wirken. Tatsache ist: Die Bayern-Spieler haben jetzt ein Nervenkostüm, das sitzt.

Den Dortmundern dagegen blieb zu wenig Zeit, die Rolle eines Titelkandidaten anzunehmen. Als Nervenstärke gefragt war, passierten Kuriositäten: die Platzverweise beim 2:4 gegen Schalke, die Aussetzer beim 2:2 in Bremen. Roman Bürki und Manuel Akanji vertrottelten die Zwei-Tore-Führung wie die zwei Rotsünder das Revierderby – fünf Punkte futsch.

Keiner sollte mit dem Alter der jungen Mannschaft argumentieren. Marco Reus ist 29 und Roman Bürki 28 Jahre alt. Nachweislich verfügen die zwei über eine Klasse mit geringer Fehlertoleranz. Wenn ihnen also Torheiten unterlaufen, liegt die Ursache nicht in ihrer Qualität. Es ist eine Sache des Kopfes. Ein Meisterschaftskampf ist auch für sie neu.

Trainer Lucien Favre hatte seine Mannschaft, das zeigen die ersten sechzig Minuten des Spiels, taktisch perfekt auf Werder Bremen eingestellt. Aber offenbar nicht auf das Unvorhersehbare in Person von Claudia Pizarro. Ein wenig Konfusion reichte, damit das Spiel kippte. Die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft hätte wohl zielführender gekontert.

Bewährungszeit für BVB-Trainer Lucien Favre

Lucien Favre am Sky-Mikrofon. Foto: Imago Images / Werner Otto

Ja, auch Lucien Favre glaubt wieder an die deutsche Meisterschaft. “Alle haben gedacht, dass es vorbei ist. Es war nicht geplant, dass Bayern nur ein Unentschieden holt in Nürnberg. Jetzt ist wieder alles möglich”, sagte der erkrankte Trainer von Borussia Dortmund am Freitag mit krächzender Stimme und glasigen Augen.

Er sei “nicht ansteckend”, fügte der 61-jährige Schweizer mit einem angedeuteten Lächeln an. Auch nehme er keine Medikamente, sondern beiße “auf die Zähne”. Genau das dürfte Favre auch von seiner Mannschaft im schweren Auswärtsspiel bei Werder Bremen am Samstag erwarten. Denn klar ist: Nur ein Sieg im Weserstadion hält die wieder aufgekeimte BVB-Hoffnung im Fernduell mit Serienmeister Bayern München am Leben.

“Die Spieler sehen auch die Tabelle. Sie haben auch das 1:1 von Bayern in Nürnberg gesehen. Durch dieses Ergebnis ist alles ganz anders. Auch die Spieler wissen, dass es möglich ist. An dieser Überzeugung haben wir die ganze Woche gearbeitet.”

BVB-Trainer Lucien Favre

Nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch mussten in Dortmund Wunden geleckt werden nach dem Derby gegen Schalke 04, diesem 2:4 gegen den durch die Saison taumelnden Erzrivalen, das garniert wurde mit den unnötigen Platzverweisen für Marco Reus und Marius Wolf. “Der Titel ist verspielt”, hatte der sensible Favre unmittelbar nach der Pleite erklärt.

Eine Aussage, für die er in der Öffentlichkeit – nicht zu Unrecht, wie die Tabelle vor dem drittletzten Spieltag zeigt – viel Unverständnis erntete, für die Michael Zorc aber vollstes Verständnis aufbrachte. “Was Lucien direkt nach dem Spiel gesagt hat, war das allgemeine Empfinden. Da waren wir alle in tiefer Depression”, erklärte der BVB-Sportdirektor.

Dass Favre über das Vertragsende 2020 hinaus der richtige Trainer für die Schwarz-Gelben ist, daran ließ Zorc keinen Zweifel. “Wir werden Gespräche mit Lucien Favre über eine weitere Zusammenarbeit in Ruhe führen”, betonte Zorc und unterstrich die “herausragende Saison”, die Dortmund “noch mit einem Krönchen versehen” wolle.

Bayern-Trainer Niko Kovac will das verhindern. Der Kroate hat keinerlei Lust auf ein Herzschlagfinale wie 2001, als der FC Bayern erst durch ein Tor von Patrik Andersson in der vierten Minute der Nachspielzeit am letzten Spieltag die Meisterschaft perfekt machte. “Ich würde mir schon wünschen, dass wir es vor dem letzten Spiel schaffen, nicht erst in der letzten Minute“, sagte Kovac, “sonst wird es eine Nervenangelegenheit für uns alle.”

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hält die enge Tabellenkonstellation aus Fansicht für “großartig” und führte im Bayern-Magazin 51 aus: “Deutschland liebt ja Krimis, und hier bekommt es einen Krimi sondergleichen serviert.” Dabei wird der BVB im Fernduell bei Anpfiff in Bremen, das noch Restchancen auf die Europa League hat, vermutlich den größeren Thrill erleben.

Schließlich haben die Bayern in der Allianz Arena mit dem auswärts sieglosen und so gut wie abgestiegenen Schlusslicht Hannover 96 am Samstag die auf dem Papier einfachste Aufgabe der Bundesliga-Saison zu lösen – und könnten gegen 17.20 Uhr fünf Punkte voraus sein. Dann wäre für Dortmund ein Unentschieden in Bremen wohl das Aus im Titelkampf. Man muss nicht lange grübeln, was dann die erste Reporterfrage an Favre wäre.

Trainer David Wagner zu Schalke? Das Risiko ist enorm

David Wagner, jetzt Schalke. Foto: Imago Images / Action Plus

Wenn nicht alles täuscht und die Berichte aus England stimmen, wird David Wagner neuer Trainer des FC Schalke 04. Man kann dem Verein zu seinem Vorhaben nur gratulieren. Etliche Bundesligisten wollten ihn. Am Ende bekam Schalke laut Medienberichten den Zuschlag, wie es scheint.

Das Risiko, das die Schalker mit David Wagner als Trainer eingehen, ist enorm. Im Profifußball hat der Frankfurter genau zwei heldenhafte Taten vollbracht: Er ist mit Huddersfield Town sensationell in die Premier League aufgestiegen und hat die Klasse im ersten Jahr sensationell gehalten.

Im zweiten Jahr war die Punktausbeute so schlecht, dass sich die Wege vorzeitig, aber in Freundschaft trennten. Wagner war der Situation kaum gewachsen. Er hatte nur die Erfahrung aus seiner Zeit als Jugendtrainer bei der TSG Hoffenheim vorzuweisen und seine vier Jahre bei BVB U23.

Ein bisschen ähnelt sein Werdegang dem seines Schalker Vorgängers Domenico Tedesco. Er fing in der Jugend an, ist in seinem Umfeld sehr beliebt, nutzt seine Chance bei einem kleinen Verein – und bekommt plötzlich die große Chance. Die Frage ist: Ist das Risiko nicht zu groß?

Schalke hat eine verlotterte Mannschaft auf dem Platz stehen. Darüber kann der überraschende Derbysieg in Dortmund nicht hinwegtäuschen. Eigentlich braucht die Mannschaft einen, dem kein Spieler etwas vormachen kann und der das soziale Gefüge eines gebeutelten Kaders repariert.

Zum Beispiel einen wie Dieter Hecking. David Wagner aber verfügt nicht über dessen Erfahrung von vier Bundesliga-Vereinen, schlimmer noch: Die Bundesliga ist komplett neu für Wagner. Er hat hier in den 90er-Jahren ein paar Mal gespielt, ja. Aber das war’s auch schon.

Man durfte eigentlich annehmen, dass auf Schalke die Zeit der Experimente vorbei ist. Die Losung kann nach dem Absturz von der Vizemeisterschaft in den Tabellenkeller nur die Konsolidierung sein. Natürlich könnte David Wagner ein Glücksgriff sein. Aber warum dieses Risiko?

Dass er von 1995 bis 1997 beim FC Schalke gekickt hat, darf und kann kein Nachweis von Stallgeruch sein. Das ist zwei Jahrzehnte her. Sportvorstand Jochen Schneider muss in ihm etwas erkennen, das zukunftsweisend ist. Aber die Diskussion hatte man ja schon auf Schalke – mit Tedesco.

Solange der Verein die Spitzenpersonalie nicht bestätigt, bewegt sich die Diskussion darüber im Spekulativen. Man darf von der Schalker Führung erwarten, dass sie das Risiko kennt. Und man darf gespannt sein, mit welchem Argument er, sollte es so weit kommen, rechtfertigt wird.