Süle-Drama! Bundestrainer Löw muss Mats Hummels zurückholen

Beim Argentinien-Länderspiel kürzlich in Dortmund (2:2) gab es eine schöne Szene, die im BVB-Trainingszentrum in Brackel passierte und vom DFB höchstselbst in Sozialen Medien verbreitet wurde. Mats Hummels, Anfang des Jahres aus dem Kreis der Nationalspieler ausgeschlossen, begrüßte seine früheren Mitspieler bei der DFB-Auswahl aufs Herzlichste.

Für einen kurzen Moment schien der Trennungsschmerz vom Frühjahr verschwunden und  Hummels, inzwischen von Bayern München zu Borussia Dortmund gewechselt, wie niemals fort gewesen. Über Monate hatte Bundestrainer Löw jede Diskussion um die Rückkehr in die Nationalelf unterbunden. Jetzt kann er nicht mehr anders: Er muss darüber nachdenken.

Fall Hummels: Löw mit nachvollziehbarer Logik

Bisher verfolgte Löw die durchaus nachvollziehbare Logik, dass Niklas Süle seine Rolle als Abwehrchef nur dann lernt, wenn ihm die ältere Generation mit Mats Hummels und Jerome Boateng nicht die notwendige Spielpraxis in Länderspiel verbaut; also mussten sie aufhören. Doch dieses Fortbildungsprogramm wurde am Samstag brutal gestoppt. 

Der Kreuzbandriss beim 2:2 in Augsburg erlaubt Süle allenfalls in fünf bis sechs Monaten ein Comeback. Das wäre so im März oder April. Es ist fraglich, ob er rechtzeitig zur EM 2020, die am 12. Juni beginnen sollen, Fitness und Stabilität erlangt. Es wäre, ganz ehrlich, ein Wunder und eine zu hohe Bürde, die Süle mit dem öffentlichen Zeitdruck zu tragen hätte.

Der Moment, als Niklas Süle sich schwer am Knie verletzt. Foto: Imago / Weber

Im aktuellen DFB-Kader ist keiner, der seine Position in der Innenverteidigung mit der gleichen Geschwindigkeit und Übersicht übernehmen kann. Nicht Jonathan Tah, nicht Matthias Ginter, nicht Antonio Rüdiger, nicht Emre Can, nicht Robin Koch. Sucht man in der Bundesliga Alternativen, stößt man irgendwann immer auf dieselbe Lösung: Mats Hummels.

Für Löw kostet diese Einsicht eine herbe Überwindung. Als Hummels eine überragende Rückrunde beim FC Bayern absolvierte und daran zum Saisonstart in Dortmund anknüpfte, wehrte sich der Bundestrainer gegen eine Korrektur seiner Personalentscheidung. Nach der Heimniederlage gegen Holland (2:4) wurden die Forderungen lauter – Löw hielt stand.

Löw gehen die Argumente gegen Hummels aus

Nun gehen ihm die Argumente aus. Sturheit würde vielleicht den Verjüngungsprozess der Mannschaft unterstützen; der Preis aber wäre, womöglich mit einer mittelmäßigen Abwehr ins Turnier zu starten. Und Einlenken gäbe zwar Kritikern recht, die schon immer nach Hummels riefen und sich unverstanden fühlten; aber es würde seine ganze Größe zeigen.

Unter Fußballern muss es die Möglichkeit geben, über die bösen Worte, die gestern fielen, heute hinwegzusehen. Viele Jahre lang war Hummels ein Erfolgsgarant in der Nationalelf. Auch er hat, siehe WM-Blamage 2018, etwas gutzumachen. Die Chance auf ein neues wie notwendiges Bündnis zur EM 2020 sollte ein Männergespräch allemal wert sein.

Der vielleicht letzte Volksheld des deutschen Fußballs

Die Statusmeldung über sein Verhältnis zu den Mannschaftskollegen beim FC Bayern bekam Bastian Schweinsteiger an jenem Mittwoch vor zehn Jahren schriftlich. Sport-Bild hatte, natürlich unerlaubt, am Morgen seinen kompletten Arbeitsvertrag mitsamt Gehalt und Sonderklauseln abgedruckt. Die Enthüllung ließen sich die Mitspieler nicht bieten. 

Jeder einzelne unterschrieb einen gemeinsamen Boykott-Aufruf gegen das Magazin. Keiner sollte und wollte Sport-Bild ein Interview mehr geben. Schweinsteiger spürte alle Solidarität im Verein, die Botschaft klang unmissverständlich: Nicht mit mir, Leute! Was den Vorfall so besonders macht: Er brauchte keinen Anwalt, um seiner Wut Luft zu verschaffen.

Brauchte er nie. Er war dafür immer Manns genug. Derselbe Reporter hat ihm das Etikett “Chefchen” angeheftet und geschrieben: “Mal Weltstar, mal Buhmann: Der Bayern-Profi bricht unter dem Druck der Erwartungen stets ein.” Vor Mikrofonen lederte Schweinsteiger zurück und nannte ihn “Pisser” und “Arschloch”. Danach war die Sache ausgestanden.

In den USA weitergespielt

Bastian Schweinsteiger in der MLS in Chicago. Foto: Imago / Icon SMI

Als er am Dienstagnachmittag seine Profilaufbahn beendete, tat er das ebenfalls so direkt und unvermittelt, wie man ihn 17 Jahre lang auf Fußball- und Nebenkriegsschauplätzen erlebt hatte. “Liebe Fans, nun ist die Zeit gekommen”, schrieb Schweinsteiger auf Instagram, ohne billige PR, “ich werde meine aktive Karriere zum Ende dieser Saison beenden.”

Der vermutlich letzte Volksheld des deutschen Fußballs sagt mit 35 Jahren “Servus”. Überraschend kommt der Rücktritt nicht. Bei seinem letzten Klub Chicago Fire hat er sich vergeblich durch die Saison gequält. Inzwischen ist sein zweiter Sohn auf der Welt. Da verschieben sich die Prioritäten. Was könnte ihm der Fußball denn Besseres bieten?

Er hat ja alles erlebt. Weltmeister ist er, Champions-League-Sieger, achtmal Deutscher Meister und siebenmal Pokalsieger, Europa-League-Gewinner und Klubweltmeister. Die Journalisten haben ihn früher zum Fußballer des Jahres gewählt als Philipp Lahm oder Toni Kroos, nämlich 2013, noch bevor Brasilien den WM-Titel bescherte.

Schweinsteiger überwand sein schlimmstes Erlebnis

Der Zeitpunkt war deshalb ungewöhnlich, weil Schweinsteiger sein persönlich schwierigstes Jahr hinter sich hatte. Im “Finale dahoam” 2012, beim Champions-League-Finale in der eigenen Allianz-Arena, lag der Ball beim Elfmeterschießen gegen Chelsea zum Siegtreffer bereit. Er setzte den Schuss an den rechten Pfosten. Eine Hasswelle brach über ihn herein.

Plötzlich war er nicht mehr der Lausbub, der mit Felix Neureuther Skiprofi werden wollte, mit Lukas Podolski bei der Heim-WM 2006 Schabernack trieb oder seinen nächtlichen Besuch im Whirlpool des Trainingsgeländes mit den Worten entschuldigte, die junge Dame an seiner Seite sei, so wörtlich, “seine Cousine”. (Das Wachpersonal lachte sich damals schlapp.)

Bei enttäuschten Erwartungen kippt die Gefühlslage bei jenen, die zehn Jahre lang “Schweini” liebten, plötzlich ins Gegenteil. “Mehr Tragik geht nicht”, schrieb der Stern. “Nun versagten ihm die Nerven. Der Final-Fluch hält an.” Sollte wohl heißen: Schweinsteiger, der Versager. Nicht wenige Fußballer zerbrechen an solchen Krisen. Er nicht.

Wenn man also Ursachen für seine Popularität sucht, wird man sie vermutlich in seiner Boxer-Mentalität finden, beherzt aufzustehen, wenn man auf dem Boden liegt. Unter Jupp Heynckes schwang sich Schweinsteiger zum Dreh- und Angelpunkt einer Mannschaft auf, die das erste Triple der Vereinsgeschichte holte – Meisterschaft, Pokalsieg, Europapokal.

Im WM-Finale 2014 wurde er zur Legende

Mehr noch: Ein weiteres Jahr später, im WM-Finale von Rio de Janeiro, schickten ihn die brutalen Argentinier mehrfach mit Attacken zu Boden. Das Schweinsteiger-Foto mit der klaffenden Blutwunde im Gesicht wurde zum Sinnbild seiner Opferbereitschaft: Immer und immer wieder erhob er sich vom Rasen, keine Auswechslung, und hielt das 1:0 aufrecht.

So ein Spiel, geschaffen für die Ewigkeit, bleibt im kollektiven Gedächtnis einer Fußballnation tiefer verhaftet als die 45 Toren in den 342 Bundesliga-Spielen beim FC Bayern oder das kurze wie unrühmliche Gastspiel bei Manchester United. Eine ganze Generation sah wie in einer Truman-Show aufwachsen. Aber: Die Story endet gut.

Den Dreierschlag mit dem FC Bayern plus WM-Sieg mit der Nationalmannschaft hatte nicht mal Franz Beckenbauer in seinen besten Zeiten hingekriegt. Zugegeben, Schweinsteiger war nicht der einzige Bayern-Profi, der daran beteiligt war. Aber genau darum geht’s: Kein anderer ließ das Publikum so dicht an seiner Gefühlswelt teilhaben wie er, der Volksheld.

Thomas Müller auf dem Abstellgleis – so wie einst Gerd Müller?

Thomas Müller mit Bier auf dem Oktoberfest

Gerd Müllers Abschied kündigte sich am 3. Februar 1979 beim Auswärtsspiel in Frankfurt (1:2) an. Pal Csernai, damals Trainer beim FC Bayern München, wagte in der 82. Spielminute eine Ungeheuerlichkeit. Der Ungar wechselte den “Bomber der Nation”, wie der Urheber von 365 Bundesliga-Toren genannt wurde, gegen Norbert Janzon aus. 

Vor vier Jahrzehnten war keinesfalls üblich, was heutzutage selbstverständlich ist: dass gelegentlich auch die Starspieler vorzeitig den Rasen verlassen müssen. Die Auswechslung kam einem vernichtenden Urteil gleich. “Müllers Leistungen reichen für die Bundesliga nicht mehr aus”, sagte Csernai noch. Die Zeit titelte: “Ausgedient. Abschied durch die Hintertür”.

Wie denkt man irgendwann über Thomas Müller?

Heute klingt unverständlich, wie Bayern München seinen besten Mittelstürmer aller Zeiten, 33 Jahre alt und laut Zeitzeugen “bei bester Gesundheit”, nach Fort Lauderdale in die USA ziehen lassen konnte. Es war das Ende einer Ära. Mit ihm und Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Uli Hoeneß hatte Bayern dreimal den Europapokal der Landesmeister geholt.

Irgendwann wird man vielleicht genauso über Thomas Müller denken und dann Niko Kovac statt Pal Csernai zitieren. Der aktuelle Bayern-Trainer sagte am Samstagnachmittag, vor dem 1:2 gegen Hoffenheim, über Müllers Reservistenrolle: “Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen.” Zur Not Minuten – nicht Spiele.

Thomas Müller mit Trainer Niko Kovac.
Thomas Müller mit Trainer Niko Kovac.

Hinterher wollte Niko Kovac seine Worte wieder einfangen und die Lage entschärfen. Aber es war zu spät. Thomas Müller hatte die Botschaft verstanden: Er steht auf dem Abstellgleis. “Nothing to say”, scherzte er beim Verlassen der Allianz-Arena. Er, der sonst jedes TV-Mikrofon zum Plaudern nutzt, hatte nichts zu sagen. Oder zumindest: nicht jetzt.

Sein Kollege Javi Martinez nahm die Rigorosität, mit der Niko Kovac zurzeit seine Bayern-Elf führt, weniger kalt zur Kenntnis. Es gibt Fotos von der Ersatzbank, wie der Spanier in Tränen ausbricht, weil er wieder nicht eingesetzt wurde. Seit 2012 spielt er beim FC Bayern. Eine solche Situation ist neu für ihn. Kovac zieht sein Ding jetzt durch.

In seinem ersten Bayern-Jahr wollte Kovac Erfolg und Popularität miteinander in Einklang bringen und setzte den gesamten Kader reihenweise ein. Das Rotationsprinzip kostete ihn fast den Arbeitsplatz. Als Double-Gewinner drückt er in seinem zweiten Bayern-Jahr den Umbau ohne Rücksicht auf Namen durch. Überleben kann nur, wer schnell und willig ist.

Niko Kovac handelt wie Bundestrainer Löw

Der Bundestrainer öffnete ihm die Augen, dass nicht jedem altgedienten Akteur die Zukunft gehören kann. Joachim Löw hatte Mats Hummels, Jerome Boateng und eben Thomas Müller Anfang des Jahres beim DFB aussortiert. Hummels war der erste, dem Kovac mitteilte: Einen Stammplatz kannst du nicht erwarten. Daraufhin wechselte der Verteidiger zum BVB.

Boateng offenbarte mit seinen Schnitzern gegen Hoffenheim, warum seine Bayern-Zeit endet und er nur spielt, weil das Stammpersonal verletzt fehlt. Und Müller tauchte jetzt zum fünften Mal in Folge nicht in der Startelf auf, was ihm, so notierten es die Statistiker, zuletzt beim Karrierestart vor zehn Jahren widerfahren war. Der Trainer findet Philippe Coutinho besser.

FC Bayern: Betriebsunfall ohne Folgen

Wohin der neue Kovac-Weg führt, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Hoffenheim-Pleite vier Tage nach dem historischen Sieg bei Tottenham Hotspur (7:2) dürfte ein Ausrutscher gewesen sein. Jedenfalls genießt Niko Kovac aktuell einen Status in der Vereinsführung, der nicht bei jedem Betriebsunfall zum Notstand führt.

Pal Csernais Personalmaßnahmen wurden damals mit zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg belohnt, was eine große Leistung bedeutete, weil Bayern München bei seiner Amtsübernahme im Winter 1978/79 in der Krise steckte. Er blieb immerhin viereinhalb Jahre beim FC Bayern. Nur den Europapokal, den gewann er nicht.

Fotos: Imago

Nach Polizei-Attacke: Warum Istanbul nicht das Champions-League-Finale wegnehmen?

Uefa Slogan "Nein zu Rassismus"

Es ist ein Jahr her, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan die Türkei zum Mittelpunkt des europäischen Fußballs erheben wollte. Für die türkische Bewerbung um die EM 2024 verlangte er von der Uefa “eine faire Beurteilung”. Die erfuhr seine Türkei auch. Den Zuschlag für die Europameisterschaft in fünf Jahren bekam Deutschland.

Heute muss man froh über die Abstimmung zugunsten des DFB sein. Was die Fans von Borussia Mönchengladbach bei ihrem Europacup-Spiel am Donnerstag in Istanbul erlebten, ist weder mit den Werten der Uefa noch mit den Werten des Islam zu vereinbaren. Völlig zu Recht fordert der Gladbacher Vereinsmanager Max Eberl eine Uefa-Untersuchung.

Die Polizei verbot alle Fanplakate, die das Wappen der Stadt Mönchengladbach trugen. Denn darauf war zu sehen: ein Kreuz als Zeichen des christlichen Glaubens. Nur zur Klarstellung: Hier geht es nicht um eine unnötige Provokation, die im Stadion nichts verloren hat, sondern um den Stolz auf eine Stadt, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben hat.

Türkei zeigt Widerspruch zu den Uefa-Werten

Der Block der Mönchengladbacher Fans Ende August. Fotos: Imago

Man muss Max Eberl (“Das ist Polizei-Diktatur”) nicht zitieren, um die Empörung über den Eklat beim 1:1 gegen der Erdogan-Klub Basaksehir in Worte zu fassen und von der Uefa Konsequenzen zu fordern. Die Uefa selbst gibt die Richtung in ihrem eigenen Wertekanon unter Punkt 10 vor: “Null Toleranz gegenüber Rassismus.”

“Fußball eint die Völker und überkommt Unterschiede. Für die UEFA ist nur die Farbe des Trikots wichtig und so wird es auch immer bleiben. Rassismus und Diskriminierung werden in keinerlei Weise toleriert, genauso wenig wie Gewalt auf dem Spielfeld oder in den Zuschauerrängen. Der Fußball muss mit gutem Beispiel vorangehen.”

Aus dem Uefa-Wertekanon von 2009

Wer den Fußball und seine Bedeutung so offensichtlich mit Füßen tritt, muss die Folgen seiner Intoleranz vor aller Welt spüren. Nächstes Jahr im Mai soll erstmals seit 2005 wieder das Finale der Champions League in Istanbul stattfinden. Wenn die Uefa einen Rest an Aufrichtigkeit spürt, sollte sie den Austragungsort infrage stellen.

Man darf der Türkei die Entgleisung in der Europa League nicht durchgehen lassen. Die Uefa steht eh am Scheideweg. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin kuschelt mit den falschen Leuten. Dieses Jahr fand ein Europacup-Finale in Baku, Aserbaidschan, statt, nächstes Jahr eins in Istanbul, Türkei, und danach in St. Petersburg, Russland. 

Alijew, Erdogan, Putin – die Menschenrechtsverletzungen im Namen dieser Präsidenten sind nicht dadurch zu rechtfertigen, dass dort das große Geld wartet. Die Uefa kann und muss ihr Verhältnis zu diesen Herrschern erklären. Gute Worte und der Willen zur Nähe reichen nicht mehr. Warum nicht das Champions-League-Finale wegnehmen? Es gibt bessere Gastgeber.

Borussia Dortmund: So kann es nicht weitergehen

BVB niedergeschlagen in Freiburg

Das große Glück von Borussia Dortmund besteht darin, dass der Rückstand auf Bayern München lediglich zwei Punkte beträgt. Der Verlust von sechs Punkten aus drei Bundesliga-Spielen, die jeweils 2:2 endeten, ist noch immer reparabel. Zur Tabellenführung fehlen vier Zähler. Nur eines ist klar: Der BVB muss dringend etwas ändern. So kann es nicht weitergehen.

Das Abwehrverhalten von Manuel Akanji bei beiden Gegentoren in Freiburg verrät, je nach Sichtweise, entweder Lustlosigkeit oder Komfortzone. Wie bei einem, der alles hat, was er zum Leben braucht. Bei Luca Waldschmidts Fernschuss steht er Spalier, bei Vincenzo Grifos Querpass wie bestellt und nicht abgeholt im Fünfmeterraum.

Bei einem Schweizer Nationalspieler darf man davon ausgehen, dass er erstens Fußball spielen kann und zweitens das Positionsspiel beherrscht. Wenn man also Ursachen sucht, warum das mit 125 Mio. Euro aufgepeppte Team nicht ins Rollen kommt, liegt das wechselweise an der Einstellung oder an der Fitness oder an der Aufgabenstellung durch den Trainer.

Manuel Akanjji und Roman Bürki murksen den Ball ins eigene Tor
Schweizer Käse: Manuel Akanji und Roman Bürki murksen den Ball ins eigene Tor. Fotos: Imago / Huebner

Ein Fitness-Problem kann man ausschließen. Die medizinische Abteilung kontrolliert jeden Schritt der BVB-Profis und hätte längst Alarm geschlagen, wenn Defizite zu erkennen gewesen wären. Zu bemängeln ist durchaus die Einstellung, Stichwort “Mentalität”. Immer wieder mahnte Sportdirektor Michael Zorc Giftigkeit an; die ist nicht durchgehend vorhanden.

Womöglich sind die Spieler mit den Vorgaben ihres Trainers Lucien Favre so sehr beschäftigt, dass Intuition und Kreativität bei kniffligen Situation verloren gehen. Das hat fatale Folgen. Wenn der Gegner unerwartete Spielsituationen herstellt, und das tat der SC Freiburg, fehlen die Lösungen auf dem Platz. Der Trainer des SC Freiburg hat’s genau so gesagt.

Christian Streich nach dem 2:2: “Für uns ging’s natürlich drum, die Tiefe von Dortmund zu verhindern. Weil es geht ja… Ich meine, ich kenne den Lucien ja jetzt auch schon ein paar Jahre.” Nämlich so: “Es ist alles hoch akribisch vorbereitet. Auf jedem Meter stehen sie richtig, die Spieler. Und dann wird vorbereitet und dann macht’s klatsch, klatsch, klatsch.”

Durchkreuzt der Gegner aber Schema F, kommt der BVB wie in Freiburg nur zu zwei Torschüssen in der zweiten Halbzeit. Einen Plan B hat die Favre-Elf ja offensichtlich nicht. Warum eigentlich nicht? Taktische Flexibilität ist ein hohes Gut, das man bei einem Trainer, der Taktik zur Maxime erklärt, verlangen darf. “Nicht panisch, aber ratlos” wirke der BVB, so der Spiegel.

Das Dilemma besteht darin, dass die BVB-Verantwortlichen natürlich den Missstand in ihrer Mannschaft erkennen, aber angesichts des knappen Rückstands in der Bundesliga und des guten Starts in der Champions League keinen dringenden Handlungsbedarf sehen. Nur: Dass die Konkurrenz selbst leichtfertig Punkte verschenkt, wird nicht dauerhaft passieren.