Der vielleicht letzte Volksheld des deutschen Fußballs

Die Statusmeldung über sein Verhältnis zu den Mannschaftskollegen beim FC Bayern bekam Bastian Schweinsteiger an jenem Mittwoch vor zehn Jahren schriftlich. Sport-Bild hatte, natürlich unerlaubt, am Morgen seinen kompletten Arbeitsvertrag mitsamt Gehalt und Sonderklauseln abgedruckt. Die Enthüllung ließen sich die Mitspieler nicht bieten. 

Jeder einzelne unterschrieb einen gemeinsamen Boykott-Aufruf gegen das Magazin. Keiner sollte und wollte Sport-Bild ein Interview mehr geben. Schweinsteiger spürte alle Solidarität im Verein, die Botschaft klang unmissverständlich: Nicht mit mir, Leute! Was den Vorfall so besonders macht: Er brauchte keinen Anwalt, um seiner Wut Luft zu verschaffen.

Brauchte er nie. Er war dafür immer Manns genug. Derselbe Reporter hat ihm das Etikett “Chefchen” angeheftet und geschrieben: “Mal Weltstar, mal Buhmann: Der Bayern-Profi bricht unter dem Druck der Erwartungen stets ein.” Vor Mikrofonen lederte Schweinsteiger zurück und nannte ihn “Pisser” und “Arschloch”. Danach war die Sache ausgestanden.

In den USA weitergespielt

Bastian Schweinsteiger in der MLS in Chicago. Foto: Imago / Icon SMI

Als er am Dienstagnachmittag seine Profilaufbahn beendete, tat er das ebenfalls so direkt und unvermittelt, wie man ihn 17 Jahre lang auf Fußball- und Nebenkriegsschauplätzen erlebt hatte. “Liebe Fans, nun ist die Zeit gekommen”, schrieb Schweinsteiger auf Instagram, ohne billige PR, “ich werde meine aktive Karriere zum Ende dieser Saison beenden.”

Der vermutlich letzte Volksheld des deutschen Fußballs sagt mit 35 Jahren “Servus”. Überraschend kommt der Rücktritt nicht. Bei seinem letzten Klub Chicago Fire hat er sich vergeblich durch die Saison gequält. Inzwischen ist sein zweiter Sohn auf der Welt. Da verschieben sich die Prioritäten. Was könnte ihm der Fußball denn Besseres bieten?

Er hat ja alles erlebt. Weltmeister ist er, Champions-League-Sieger, achtmal Deutscher Meister und siebenmal Pokalsieger, Europa-League-Gewinner und Klubweltmeister. Die Journalisten haben ihn früher zum Fußballer des Jahres gewählt als Philipp Lahm oder Toni Kroos, nämlich 2013, noch bevor Brasilien den WM-Titel bescherte.

Schweinsteiger überwand sein schlimmstes Erlebnis

Der Zeitpunkt war deshalb ungewöhnlich, weil Schweinsteiger sein persönlich schwierigstes Jahr hinter sich hatte. Im “Finale dahoam” 2012, beim Champions-League-Finale in der eigenen Allianz-Arena, lag der Ball beim Elfmeterschießen gegen Chelsea zum Siegtreffer bereit. Er setzte den Schuss an den rechten Pfosten. Eine Hasswelle brach über ihn herein.

Plötzlich war er nicht mehr der Lausbub, der mit Felix Neureuther Skiprofi werden wollte, mit Lukas Podolski bei der Heim-WM 2006 Schabernack trieb oder seinen nächtlichen Besuch im Whirlpool des Trainingsgeländes mit den Worten entschuldigte, die junge Dame an seiner Seite sei, so wörtlich, “seine Cousine”. (Das Wachpersonal lachte sich damals schlapp.)

Bei enttäuschten Erwartungen kippt die Gefühlslage bei jenen, die zehn Jahre lang “Schweini” liebten, plötzlich ins Gegenteil. “Mehr Tragik geht nicht”, schrieb der Stern. “Nun versagten ihm die Nerven. Der Final-Fluch hält an.” Sollte wohl heißen: Schweinsteiger, der Versager. Nicht wenige Fußballer zerbrechen an solchen Krisen. Er nicht.

Wenn man also Ursachen für seine Popularität sucht, wird man sie vermutlich in seiner Boxer-Mentalität finden, beherzt aufzustehen, wenn man auf dem Boden liegt. Unter Jupp Heynckes schwang sich Schweinsteiger zum Dreh- und Angelpunkt einer Mannschaft auf, die das erste Triple der Vereinsgeschichte holte – Meisterschaft, Pokalsieg, Europapokal.

Im WM-Finale 2014 wurde er zur Legende

Mehr noch: Ein weiteres Jahr später, im WM-Finale von Rio de Janeiro, schickten ihn die brutalen Argentinier mehrfach mit Attacken zu Boden. Das Schweinsteiger-Foto mit der klaffenden Blutwunde im Gesicht wurde zum Sinnbild seiner Opferbereitschaft: Immer und immer wieder erhob er sich vom Rasen, keine Auswechslung, und hielt das 1:0 aufrecht.

So ein Spiel, geschaffen für die Ewigkeit, bleibt im kollektiven Gedächtnis einer Fußballnation tiefer verhaftet als die 45 Toren in den 342 Bundesliga-Spielen beim FC Bayern oder das kurze wie unrühmliche Gastspiel bei Manchester United. Eine ganze Generation sah wie in einer Truman-Show aufwachsen. Aber: Die Story endet gut.

Den Dreierschlag mit dem FC Bayern plus WM-Sieg mit der Nationalmannschaft hatte nicht mal Franz Beckenbauer in seinen besten Zeiten hingekriegt. Zugegeben, Schweinsteiger war nicht der einzige Bayern-Profi, der daran beteiligt war. Aber genau darum geht’s: Kein anderer ließ das Publikum so dicht an seiner Gefühlswelt teilhaben wie er, der Volksheld.

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