Was Bayern München Borussia Dortmund voraushat

Torchance von Thomas Müller gegen Nürnberg. Foto: Imago Images / Sven Simon

Die Bayern-Bosse werden Franz Beckenbauers Spott als gutes Zeichen zu werten wissen. Als ihr ehemaliger Präsident in der Saison 2000/01 Stefan Effenberg und dessen Mitspielern provokant die Spielweise der Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft unterstellte (damals nach einem 0:3 bei Olympique Lyon), gewann der FC Bayern hinterher die Champions League.

Jetzt donnerte der Kaiser erneut: Tempo und Kampfgeist beim FC Bayern, verglichen mit der Königsklasse: alles Altherren-Fußball. „Wenn ich sehe, wie in der Champions Leagueoder in der EuropaLeague gefightet wird, dann meint man bei den Bayern manchmal, die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zu sehen”, sagte Franz Beckenbauer wörtlich.

Tonfall und Zeitpunkt sind trotzdem überraschend. Der FC Bayern spielt nicht nur eine der besten Rückrunden seiner Vereinsgeschichte und wandelte neun Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund in vier Punkte Vorsprung um. Dem Tabellenführer reicht am Samstag ein Auswärtssieg bei RB Leipzig, um vorzeitig die 29. Deutsche Meisterschaft zu gewinnen.

Aber so ist das bei den Bayern: Nicht einmal das Beste ist ihnen gut genug. Sie warfen schon Trainer raus, die auf Platz zwei lagen, und sogar einen, der erstmals zwei Double-Erfolge in Folge vollbracht hatte. Womöglich gewinnt Trainer Niko Kovac in seinem ersten Bayern-Jahr ebenfalls die Kombi aus Meisterschaft und Pokalsieg. Eine Jobgarantie kann er daraus nicht ableiten.

Die Brutalität im Anspruchsdenken mag befremdlich klingen. Dahinter steckt das Geheimnis des Rekordmeisters. Niemals zufrieden sein, niemals nachlassen: Was zunächst banal klingt, fehlt bei den meisten Klubs in der DNA. Siehe Schalke 04: Irgendwie Vizemeister geworden – danach passierte vor lauter Selbstbeweihräucherung der Absturz in den Tabellenkeller.

Hier kommt Borussia Dortmund ins Spiel. Zunächst sei festgestellt: Die Ausbeute von mindestens 70 Punkten kann sich sehen lassen. (Zum Vergleich: Die Schalker holten bei ihrer Vizemeisterschaft im Jahr zuvor nur 63 Punkte). Trainer Lucien Favre hat die Mannschaft von Platz vier auf zwei geführt. Dennoch hat jeder das Gefühl: Da war mehr drin.

Es kostete die BVB-Bosse aber ein Höchstmaß an Überwindung, nach der fabelhaften Hinrunde das Saisonziel Meisterschaft überhaupt öffentlich auszurufen. Den Ball schön flach halten: Das ist eine beliebte Lebenseinstellung im Ruhrgebiet. Unglücklicherweise verschafft falsche Bescheidenheit fast jeder Profimannschaft ein Alibi.

Ein bisschen ist es wie in der Schule. Wenn eine Zwei reicht, strengt man sich weniger an, als wenn der Zwang zur Eins allgegenwärtig ist. Vernachlässigten Lernstoff kann man hinterher nur schwerlich nachholen. So war das in der Rückrunde bei Borussia Dortmund. Jeder Anfängerfehler wurde als Malheur abgetan. Wattebausch-Trainer aber holen keine Meisterschaften.

Die Bayern kennen das anders. Als ihnen im Herbst ein 3:3 gegen Düsseldorf unterlief, das Zwischentief mit Platz fünf, stand plötzlich alles infrage, was zu Saisonstart noch super schien. Der Trainer eingeschlossen. Der permanente Leistungsdruck, öffentlich zur Schau gestellt, kann unangemessen wirken. Tatsache ist: Die Bayern-Spieler haben jetzt ein Nervenkostüm, das sitzt.

Den Dortmundern dagegen blieb zu wenig Zeit, die Rolle eines Titelkandidaten anzunehmen. Als Nervenstärke gefragt war, passierten Kuriositäten: die Platzverweise beim 2:4 gegen Schalke, die Aussetzer beim 2:2 in Bremen. Roman Bürki und Manuel Akanji vertrottelten die Zwei-Tore-Führung wie die zwei Rotsünder das Revierderby – fünf Punkte futsch.

Keiner sollte mit dem Alter der jungen Mannschaft argumentieren. Marco Reus ist 29 und Roman Bürki 28 Jahre alt. Nachweislich verfügen die zwei über eine Klasse mit geringer Fehlertoleranz. Wenn ihnen also Torheiten unterlaufen, liegt die Ursache nicht in ihrer Qualität. Es ist eine Sache des Kopfes. Ein Meisterschaftskampf ist auch für sie neu.

Trainer Lucien Favre hatte seine Mannschaft, das zeigen die ersten sechzig Minuten des Spiels, taktisch perfekt auf Werder Bremen eingestellt. Aber offenbar nicht auf das Unvorhersehbare in Person von Claudia Pizarro. Ein wenig Konfusion reichte, damit das Spiel kippte. Die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft hätte wohl zielführender gekontert.