Bayern-Transfers: Uli Hoeneß bloß nicht unterschätzen

Es fällt in diesen Tagen nicht besonders schwer, Uli Hoeneß Doppelzüngigkeit vorzuwerfen. Noch Ende Februar hatte er im Sport1-Doppelpass gesagt: „Wenn Sie wüssten, wen wir schon alles sicher haben für die neue Saison.” Jetzt widert ihn die Diskussion um Verstärkungen an: “Ich muss ehrlich sagen, langsam geht mir das auf die Nerven, dass man sich nur noch über Käufe definiert.” Die Geister, die ich rief…

Ganz gerecht ist der Vorwurf trotzdem nicht. Denn anders als bei den meisten anderen Vereinen hat Bayern München längst einschneidende Personalmaßnahmen getroffen. Die Stammspieler Arjen Robben, Franck Ribery und zuletzt Weltmeister Mats Hummels: inzwischen weg. Für 120 Mio. Euro geholt: die Weltmeister Lucas Hernandez und Benjamin Pavard sowie den einstigen HSV-Wunschkandidaten Fiete Arp und davor im Winter Alphonso Davies aus Kanada.

Ist das viel? Nicht, wenn man aus der Hoeneß-Ankündigung im Februar Spektakuläres ableiten wollte. Und doch, wenn man die Dinge kaufmännisch betrachtet. 120 Millionen Euro bedeuten ein enormes Investment. Das Risiko ist beträchtlich. Niemand kann Bayern München garantieren, dass Hernandez für seine Ablöse die Abwehrsicherheit bringt wie Virgil Van Dijk beim FC Liverpool. Der Franzose wird immer noch am Knie therapiert.

Die Unsicherheit im Bayern-Lager rührt daher, dass Borussia Dortmund so mutig in neue Spieler klotzt wie seit 25 Jahren nicht mehr. Damals gewann der BVB zwei Meisterschaften in Folge und zur Krönung im dritten Jahr die Champions League. Nur von dieser Seite ist die Genervtheit von Präsident Uli Hoeneß zu begreifen: Zum ersten Mal seit langem bestimmt nicht er das Geschehen auf dem Transfermarkt, sondern der Verfolger. Er muss sich gehetzt fühlen.

Meister! Uli Hoeneß beim Basketball. Neben ihm: sein Bruder Dieter. Alle Fotos: Imago Images / Sven Simon

Die Öffentlichkeit verlangt endlich Klarheit, was mit dem erhofften Transfer von Leroy Sané ist. Oder mit dem erwarteten Transfer von Timo Werner. Beide Nationalspieler, Männer der Zukunft, würden dem Bayern-Angriff eine Wucht geben, wie es Borussia Dortmund eben mit Julian Brandt, Thorgan Hazard und Nico Schulz geschafft hat. An Geld werden die Bayern-Zugänge nicht scheitern.

Darin liegt die Chance des BVB: Wer notgedrungen Entscheidungen trifft, macht nicht selten Fehler. Dortmund hat vorgesorgt. Die Bayern aber müssen im Sturm noch was tun. Es sollte niemanden verwundern, wenn Bayern München in den nächsten Tagen oder Wochen Personalentscheidungen veröffentlicht, um die drängelnde Öffentlichkeit eines Besseren zu belehren. Erst dann sollte man sein endgültiges Urteil über die neuen Bayern fällen. Unterschätzt bloß Uli Hoeneß nicht.

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