Das Ajax-Drama: Beste Werbung für eine Super League

Lucas Moura feiert seinen Hattrick gegen Ajax Amsterdam. Foto: Imago/Defodi

Wer wissen wollte, wohin der Fußball der Zukunft seine Entwicklung nimmt, musste nur die beiden Halbfinal-Rückspiele in der Champions League sehen. Keine der beiden Mannschaften, die ins Endspiel am 1. Juni in Madrid einziehen, konnte ihren Stürmerstar im entscheidenden Spiel aufbieten. Weder der FC Liverpool beim 4:0 gegen den FC Barcelona noch Tottenham Hotspur gestern Abend beim 3:2 bei Ajax Amsterdam.

Trotzdem drehten beide Teams kraft ihres Willens die schlechte Vorgabe aus dem Hinspiel: der FC Liverpool das 0:3 von Barcelona, Tottenham Hotspur das 0:1 aus dem Heimspiel. Für die Bundesliga ist das ein schlechtes Signal. Die Premier League lädt nicht nur zum ersten Mal seit 2008 zu einem rein englischen Finale in der Königsklasse. Nun wird den Deutschen auch noch genommen, was hierzulande als typisch deutsche Mentalität gilt.

Die Lineker-Weisheit vom Spiel, das am Ende immer die Deutschen gewinnen, verliert ihre Berechtigung. Es sind Gary Linekers Engländer, die einen fast demütigenden Rückstand aufholen können. Der einzige Trost bleibt, dass Jürgen Klopp der Trainer beim FC Liverpool ist und sein Verteidiger Joel Matip aus dem Ruhrgebiet stammt. Ansonsten hat das Land des viermaligen Weltmeisters nichts mit dem Duell der Champions zu tun.

Tempo, Taktik, Teamgeist: Man konnte sich während der Halbfinalspiele gar nicht vorstellen, dass irgendeine Bundesliga-Mannschaft, nicht einmal der FC Bayern, hätte mithalten können. Zwei packende Fußballspiele, die nicht nur Spannung bieten, sondern Rasanz und Fairness statt Meckerei und Pyro, fesseln die Deutschen auch deshalb, weil es um den Kern des Sports ging und nicht um die Selbstinszenierung von Profis und sogenannten Fans.

Monatelang wird in Deutschland über Lappalien wie Montagsspiele gestritten, als hätte man nichts Wichtigeres zu diskutieren. Spielsysteme, Jugendausbildung, Akademie-Aufbau, Klub-Organisation: Es gibt so viele Themen, wo im deutschen Fußball Weichen gestellt werden müssten. Stattdessen lässt man zu, dass Funktionäre die realitätsferne Spielform “Funino” für Kinder durchsetzen können. Es ist ein Jammer.

Die TV-Zuschauer sind nicht blöd. Die sehen auch, dass die Bundesliga nicht bietet, was diese Woche auf den Spielfeldern in Liverpool und Amsterdam stattgefunden hat. Eine bessere Werbung für die Super League, so umstritten sie ist, konnten Sky und DAZN nicht senden. Die Bundesliga findet keine Antworten auf Rudelbildungen und Pyro-Idioten. Man streitet nicht für besseren Fußball, sondern aktuell: um den Videobeweis.

Man kann das wahlweise belustigend oder bedauerlich finden. Tatsache ist: Der große Fußball findet ohne Deutschland statt. Der Verweis auf Real Madrid oder Juventus, auf PSG oder ManCity, die ebenfalls frühzeitig scheiterten, klingt nicht tröstlich. Eher nach: Wir sind nicht besser. Nicht einmal der überraschende Siegeszug von Eintracht Frankfurt in der Europa League ändert die Faktenlage: International ist die Bundesliga Mittelmaß.

Ein mangelhaftes Produkt führt aber zwangsläufig zu Verdruss. Schon jetzt besuchen zu viele Dauerkartenbesitzer nicht mehr alle 17 Heimspiele ihrer Mannschaft, sondern suchen sich die Spiele aus, die ein wenig Unterhaltung bieten: Die Spitzenspiele halt, wie man sie in einer Super League mit den besten Mannschaften ständig geboten bekäme.